Die Konzertfabrik Z7 hat auf den Sommermodus umgeschaltet. Das heisst es wird nicht in der üblichen Konzerthalle geschwitzt, so wie ich es vor rund einer Woche noch getan habe. Nein, da der Sommer uns aktuell immer noch erbarmungslos im Griff hat, machen wir draussen weiter, wo wir drinnen aufgehört haben. So steht bei mir heute zum ersten Mal überhaupt ein Ausflug ins Römertheater Augusta Raurica auf dem Plan. Etatmässig kommt wieder mein Sohnemann mit. Ich war selbst zu meinen Schulzeiten nie an diesem geschichtsträchtigen Ort, aber schon der Fussmarsch vom Parkplatz an den Ort des Geschehens, fühlt sich irgendwie speziell an. Ich laufe hier quasi über tausende Jahre alte Geschichte, die teils immer noch unter meinen Füssen begraben liegt. Dann innerhalb des Theaters, der nächste Wow-Effekt. Die römische Baukunst in einer der ältesten römischen Kolonien am Rhein, verschlägt mir echt den Atem. Mein Sohn geht sogar eine Spur weiter und zeichnet sich ein imaginäres Bild wie es hier früher wohl ausgesehen hat. Ein spezieller Ort für ein Konzert, aber wie sich zeigen wird, wünschte ich mir mehr genau solche Abende. Die Akustik, es sei vorweg genommen, absolut brilliant auf den Rängen, egal wo wir stehen.

Und da kommt es, Kollege Christian Bührer von diebuehrers.com macht mal ganz kurz das Briefing mit uns Fotografen. Dieses Schlitzohr lässt es sich nicht nehmen, die chaotischen Fotobedingungen des Vorabends, mit einem breiten Grinsen noch etwas auszubauen. Am erstaunten Blick seiner Frau Iris weiss ich aber, er nimmt uns auf den Arm. Starke Fotobedingungen, drei Songs aus dem Graben, danach aus der ganzen Arena, freies schalten und walten.

Kurzfristig noch auf das Line-Up aufgesprungen ist die Band AMOA, was mir absolut nichts sagt. Zum Glück sind wir im digitalen Zeitalter angelangt und ich muss nicht mehr in irgendwelchen Archiven Wachstafeln und Papyrusrollen durchforsten. Hinter dem Alias AMOA versteckt sich die Basler Künstlerin Andrea Thoma und brachte im Mai 2025 ihr zweites Album I’ll Be Kind auf den Markt. Ich bin mir anfangs überhaupt nicht sicher, wie ich ihre Musik einordnen soll, sie hat für mich einen sehr depressiven Anstrich, gerade die ersten paar Minuten. Wandelt sich dann aber in eine Art cineastischer Darkwave. Die Kombination aus treibenden elektronischen Synthesizern, Loops und ihrer elfenhaften, dann wieder melancholisch-wuchtigen Stimme entfaltet in diesen ehrwürdigen Ruinen eine fast schon mystische Anziehungskraft. Doch trotz der unbestreitbaren musikalischen Qualität und der intensiven Stimmung mischt sich ein kleiner Wermutstropfen in meine Konzertwahrnehmung. Denn trotz den sommerlichen Temperaturen lässt mich der Blick auf die Bühne frösteln, was jedoch wie gesagt weniger an der Temperatur als an der Mimik der Akteure liegt. Die Musiker auf der Bühne hätten wahrlich gerne etwas lächeln dürfen. Stattdessen blicke ich in Gesichter, die starr und unnahbar wirken. Diese visuelle Distanz dämpft die eigentlich meine Stimmung etwas. Passt aber zum flüchtigen Abgang von der Bühne. Kaum ist der letzte Ton verklungen, verschwindet sie mit ihren markant schwarz angemalten Fingern auch schon wieder in der Dunkelheit des Backstages. Zumindest hat sie ihre Schuhe, die neben dem Mikrofonständer standen, mitgenommen, mich hingegen nur teilweise.

Was für ein Kontrast, der sich hier im Römertheater von Augusta Raurica mit dem nächsten Auftritt entfaltet. Kaum ist der flüchtige, fast geisterhafte Auftritt von AMOA vorbei, wird die Bühne schnell umgebaut für The Beauty Of Gemina. Seit rund zwei Jahrzehnten ziehen sie nun schon von ihrer Homebase im rheintalischen Sargans aus los, um mit ihrem unverkennbaren Sound die Welt zu erobern. Weit über 300 Konzerte in 25 Ländern, von Europa bis nach Südamerika, liegen bereits hinter ihnen. Und heute Abend bringen sie diese geballte Erfahrung in die historischen Ruinen. Dabei erzählt Frontmann Michael Sele, mit seinem charakteristischen hellen Schopf, wie es war, von Sargans nach Zürich zu kommen und dann erst recht bis ans Rheinknie nach Basel. Bereits dies schon ein Ausflug ins «Ausland». Dabei setzt er zwischen den Zeilen aber auch den Aufruf, dass er sehr gerne mehr in der Beppi-Stadt spielen würde. Die Musik atmet jene unverkennbare Mischung aus treibender Elektronik, wavigen Post-Punk-Gitarren und tiefem, beschwörendem Gesang, die mich eben so sehr an Depeche Mode, aber auch an Ikonen wie Nick Cave oder David Bowie erinnert. Die samtige Baritonstimme von Michael Sele hallt von den 2000 Jahre alten Steinmauern wider und fesselt mich ab dem ersten Takt. Die Setlist ist eine perfekt ausbalancierte Reise, die sowohl die hypnotischen Klänge ihres aktuellen Werks «Songs Of Homecoming» zelebriert als auch eine emotionale Best-of-Werkschau aus 20 Jahren Bandgeschichte aufbietet. Insgesamt werden elf Songs aus fünf Alben geboten. Im Vergleich zu AMOA vorhin agieren Sele und seine eingespielten Mitmusiker wie eine unerschütterliche Einheit auf der Bühne, die den Raum komplett einnimmt. Dabei bewegt sich der Bassist Andi Zuber doch schon fast in metalwürdigen Posen über die Bühne. Nicht zuviel nicht zuwenig, einfach der Musik gerecht. Die Energie ist greifbar; die Gitarren schneiden messerscharf durch die elektronischen Klänge von Daniel Manhart, während das Schlagzeug von Mac Vinzens den Herzschlag des Publikums diktiert. Ich muss mir die Band wieder einmal live in einem Club anschauen gehen. Es macht eben schon einen Unterschied, ob man mit dem Publikum spricht und sich auch nach dem letzten Song verabschiedet.

Noch einmal ein kleiner Umbau der Bühne, wobei nun das über allem thronende Schlagzeug von Katha Mia den zentralen Blickfang einnimmt. Die Raben sind zurück und bleiben «Together Till The End» mit uns hier im Römertheater. Ich kann mir echt keine geilere Location vorstellen für die Band, die ich vor einigen Jahren in der Musigburg sehen wollte, und der Veranstalter damals die Show wegen Weihnachtsessen abgesagt hat. Hier gibt es keine Absage, sondern die klare Ansage der Band, wie sehr sie es mag in einem Land zu spielen deren Chancen auf den Fussball WM Titel noch intakt sind. Natürlich hat Martin Engler die Lacher per sofort auf seiner Seite. Da auch einige seine Frage; wer beim letzten Z7 Konzert vor Ort war, mit Ja beantworten, haben Mono Inc. ihre Setliste angepasst. Fünf der heute gespielten Songs waren vor einem halben Jahr in Pratteln noch nicht auf dem Spielplan und der Rest wird von der Reihenfolge her neu abgestimmt. Die Hamburger haben auch keine Scheu davor, den Terlingua Song «Still» in ein neues Gewand zu setzen und hier und jetzt zum ersten Mal in einem «harten» rockkonformen Setting rauszuballern, also nichts mehr mit Still, sondern eher mit Stil. Auch wenn die Arena nicht ausverkauft ist, dass Publikum feiert, singt mit, klatscht und steht auf. Bis auf den Mann im blauen Shirt, der von Martin noch eine Extraaufforderung braucht. So ist dies in einem Römertheater, man hat von der Bühne aus, alle Anwesenden im Blickwinkel. Vor 2000 Jahren hätten hier bis zu 10’000 Zuschauer einen Platz gefunden, unglaublich. Es ist aber nicht nur der Einbezug des Publikums, was die Band so besonders macht. Es ist das Miteinander innerhalb der Band, was spürbar und authentisch ist, ansteckend wirkt. Es stehen nicht nur Familienmitglieder auf der Bühne. Nein ein Mono Inc. Konzert ist ein Familienanlass, an dem alle teilhaben können. Früh ist das Publikum so auch auf Betriebstemperatur und spätestens nach Boatman hat man eigentlich alle im Sack. Als sich Neuzugang Ilja, er stiess im letzten Jahr zur Band, zum Bass-Solo hinsetzt staunt mein Sohn nicht schlecht, er hat hier wohl wirklich tiefe Töne erwartet. Der Hochschulabsolvent für Musik, Theater und Medien zaubert aber unglaubliche Töne aus dem Instrument, die auch mich, Soloeinlagen normalerweise kritisch gegenüber, aufhorchen lassen. Es folgt das emotionale Herzstück des Abends. Ein schneeweises Klavier wird reingerollt. Katha Mia verlässt ihren Arbeitsplatz kommt an den Bühnenrand, während Ilja und Carl sich mit dem Cello hinsetzen. Es ist das musikalische Gänsehaut-Highlight an dieser antiken Stätte, minimalistisch und tief berührend. Es wird aber auch wieder Fahrt aufgenommen, resp. Fässer auf die Bühne geholt und ein Drum-Battle inszeniert as den «Herzschlag des Todes» einleitet. «Heartbeat of the Dead» setzt bei untergehender Sonne den Schlusspunkt des regulären Sets. Einer der bereits Feierabend machen wollte, hört auf den Namen Sennheiser. Ist es doch das Mikrofon von Martin, welches bereits zu In My Darkness die Arbeit verweigert. Neu ausgestattet, dann noch die Überhymne Children Of The Dark, der Song zum finalen Abriss der uns alle in die Nacht ausziehen lässt, um den Heimweg anzutreten.

Mono Inc. haben es wieder geschafft, düstere Melancholie in pure lebensbejahende Energie umzuwandeln. Haben bewiesen, dass sie eine absolute Livemacht sind. Ich hoffe das Z7 wird auch im nächsten Jahr wieder ein paar handverlesene Live-Perlen hier im Römertheater spielen lassen