Heute vor genau 30 Jahren, am 18. Juni 1996, veröffentlichte ein damals 29-jähriger Gitarren-Hüne ein Album, das absolut niemand von ihm erwartet hatte. Zakk Wylde, bis dahin bekannt als der wilde, Riffs schreddernde Gitarrist an der Seite von Ozzy Osbourne, legte mit „Book of Shadows“ sein erstes echtes Solo-Debüt vor.

Anstatt den Fans die Gehörgänge mit donnerndem Heavy Metal freizublasen, präsentierte Wylde eine verletzliche, tief melancholische Mischung aus akustischem Folk-Rock und erdigem Southern Rock. Ein Blick zurück auf ein Meisterwerk, das auch drei Jahrzehnte später nichts von seiner Magie verloren hat.

Mitte der 90er Jahre war Zakk Wylde auf dem vorläufigen Höhepunkt seines Ruhms. Er hatte Alben wie No More Tears für Ozzy veredelt und mit seinem kurzlebigen Projekt Pride & Glory den Southern Metal miterfunden. Doch der Drang, etwas völlig Eigenes und Intimes zu schaffen, war grösser. „Book of Shadows“ ist deshalb so relevant, weil es das traditionelle Bild des reinen „Metal-Shredders“ komplett zertrümmerte. Inspiriert von seinen Helden wie Neil Young, Bob Seger, Lynyrd Skynyrd und The Allman Brothers bewies Wylde, dass „schwere“ Musik nicht zwingend Verzerrung braucht. Die Schwere lag hier in der spürbaren Melancholie, den Texten und dem rauen, fast schmerzerfüllten Gesang. Ohne dieses Album gäbe es heute wahrscheinlich weder die ruhigen Momente von Black Label Society (wie das spätere Album Hangover Music, Vol. VI) noch die akustischen „Unblackened“-Touren. Es zeigte Zakk Wylde als vollendeten Songwriter an der Akustikgitarre, dem Klavier und der Mundharmonika. Sogar Banjo spielte er auf dem Album, was zu seinem, bis dato, melodischste Werk darstellt.

Hinter den 11 Tracks des Albums verbergen sich tiefe persönliche Geschichten, die dem Werk seine düstere, dichte Atmosphäre verleihen;

Der Song „Throwin‘ It All Away ist eine hochemotionale Reaktion auf den Tod von Shannon Hoon, dem Sänger der Band Blind Melon. Hoon und Wylde hatten einige Monate zusammen gewohnt und waren enge Freunde geworden, bevor Hoon im Oktober 1995 an einer Überdosis Kokain verstarb. Wylde schrieb den Song aus der Perspektive von Hoons damals neugeborener Tochter Blue. Das Stück ist untermalt von echten Regen- und Gewittersounds.

„Between Heaven and Hell“ sowie „Way Beyond Empty“ (zu dem es auch ein Musikvideo gibt) wurden als Promo-Singles ausgekoppelt und zeigten perfekt die Balance aus bittersüssen Melodien und Wyldes unverkennbaren, bluesigen Gitarrensoli, die er trotz Akustik-Vibe perfekt einflocht.

Auf der originalen japanischen Pressung und dem späteren Reissue von 1999 befand sich ein Akustiktrack namens „Peddlers of Death“. Wer Zakks spätere Band Black Label Society kennt, wird erstaunt sein, denn der Song wurde komplett umarrangiert, brachial elektrisiert und landete schliesslich als mächtiger Metal-Track auf dem BLS-Debütalbum Sonic Brew.

Obwohl das Album extrem düster und herbstlich klingt, wurde es zu grossen Teilen in den legendären Audio Vision Studios in Miami, wo schon Eric Clapton oder Aerosmith zu Gast waren, sowie in Burbank (Kalifornien) aufgenommen. Produziert wurde es von den Brüdern Ron und Howard Albert, die auch schon für Meilensteine von Jimi Hendrix und den Bee Gees hinter den Reglern sassen.

Es gibt auch ein paar spannende Fun Facts rund um das Album

Um die intime Studio-Atmosphäre auf die Bühne zu bringen, spielte Zakk Wylde die anschliessende Clubtour in einem extrem minimalistischen Setup. Gemeinsam mit einem zweiten Akustikgitarristen trat er im reinen Kerzenschein auf. Roadies verbrachten vor den Shows oft eine halbe Ewigkeit damit, dutzende Kerzen auf der Bühne zu positionieren und anzuzünden.

Als Zakk Wylde im Jahr 2016 nach exakt 20 Jahren die Fortsetzung „Book of Shadows II“ veröffentlichte, scherzte er in Interviews immer wieder, dass er damit die 15-jährige Wartezeit von Guns N‘ Roses auf Chinese Democracy offiziell geschlagen habe.

Der emotionale Klavier-Abschlusstrack des Albums, „I Thank You Child“, erlebte im Jahr 2025 eine tragische, weltweite Aufmerksamkeit, als der israelische Vater Yarden Bibas den Song bei der Beisetzung seiner Familie spielen liess, die Opfer des Terroranschlages durch die Hamas wurden. Das 30 Jahre alte Lied schoss daraufhin auf Platz 1 der  Spotify-Charts. Platz 2 war der ebenfalls auf der Beerdigung gespielte Avenged Sevenfold Song „Roman Sky“ und Platz 3 nahm „Hold On To Memories“ von Disturbed ein.

30 Jahre nach dem Release bleibt „Book of Shadows“ ein faszinierendes Dokument eines Musikers, der sich weigerte, in eine Schublade gesteckt zu werden. Es ist das perfekte Album für verregnete Sonntage, späte Autofahrten oder Abende am Lagerfeuer, erdiger, ehrlicher Rock, gespielt von einem der grössten Gitarrenhelden unserer Zeit, der für einen kurzen Moment sein Herz komplett auf der Zunge trug. Wer dieses Genie an den Saiten live erleben möchte kann dies nächsten Dienstag am 23.06.2026 in der Konzertfabrik Z7 tun, er wird da mit Black Label Society auftreten, Tickets gibt es hier.