Was ist der schönste Tag der Woche? Richtig der Dienstag, denn da geht es am längsten, bis es wieder Montag ist. Und wie feiert man einen solchen Tag richtig? Genau, mit einem Besuch eines Konzertlokals der Wahl. In meinem Fall heisst es heute es geht wie viele Tausend weitere Besucher ins Hallenstadion in Zürich. Dort spielen heute Sabaton eines ihrer ersten Konzerte auf der schon lange angekündigten Legendary Tour, welche ein paar Tage zuvor in Köln gestartet ist. Die Fahrt ins Hallenstadion ist natürlich wie immer vom Feierabendverkehr geprägt, da hilft es auch die Wahl der Anfahrt nicht wirklich etwas. Ich entscheide mich durch die City zu quälen. Schon irgendwie krass, wenn ich für die Fahrt von der Stadtgrenze zum Parkhaus, welche etwas mehr als acht Kilometer beträgt, mehr als doppelt so lange brauche, wie die 50km von zu Hause an die Stadtgrenze. Ja, man könnte die öffentlichen Dienste benutzen, mach ich jedoch aus diversen Gründen nicht. Auf der Fahrt stimmt mich mein Sohnemann als DJ ein, indem er sich schlicht fast aller Sabaton CDs bedient und diese eine um die andere in den Spieler einlegt, um dann letztlich trotzdem immer wieder den neuesten Output «Legends» einzulegen. Vor Ort, dann schnell und unkompliziert das Medienticket abholen und dann zum Seiteneingang und die ersten vertrauten Gesichter begrüssen. Dabei wird jedoch mit Kaufi eine Person schmerzlich vermisst. Der Sabaton-Fan aller Sabaton-Fans verstarb leider viel zu früh vor einigen Wochen. Ich bin mir jedoch sicher, dass er, von wo auch immer, trotzdem irgendwie anwesend ist. Den Fotopass übergab uns Jessica in einem mit einem Sabaton-Kleber versiegelten schwarzen Couvert. Inhalt des Umschlages der Fotopass selbst, die Fotoregeln (dazu später mehr) und die Setliste.
Der Abend beginnt, wie die meisten Konzerte, mit einer Vorband. Wobei hier von Band zu sprechen ist eigentlich definitiv die falsche Wortwahl. The Legendary Orchestra springen in diese Rolle und unterhalten uns für die nächste Stunde. Heute Abend gibt es die Sabaton Vollbedienung. Denn das klassische Orchester mit stimmgewaltigem Chor, der ein bisschen an die Gregorianer erinnert, spielt ausschliesslich Sabaton Lieder, die komplett neu instrumentalisiert und arrangiert wurden. Vor ein paar Wochen hat Sabaton die Solisten bekanntgeben, die ebenfalls interessante Farbtupfer in die Soundcollage miteinbrachten. Da stehen einerseits Patty Gurdy mit Hurdy Gurdy und Flöte auf der Bühne. Andererseits Mia Asano an der Violine. Dirigiert wird das Orchester von der Scardust Frontfrau Noa Gruman, die bei ausgewählten Songs, wie zum Beispiel Sarajevo oder Sparta auch noch die Leadstimme übernimmt. Durch diese Art der Darbietung von Sabaton, hat die heutige Hauptband sich natürlich einige Last in der Setlist-Gestaltung von den Schultern genommen. Songs wie Ghost Divisons oder Bismarck nicht zu spielen, wäre in etwa gleichbedeutend für mich wie ein Ei ohne Aromat zu verspeisen. So können die Schweden gekonnt Songs «auslagern» und keiner ist enttäuscht. Dank dem Orchester kommen die Songs insgesamt natürlich um einiges bombastischer daher und gewinnen mit all ihren Crescendo und Sforzato an Dramaturgie. Aus dem Fotograben kriegt man aber leider vom Orchester nicht viel mit, da die Bühne doch arg hoch ist und somit eigentlich nur die Solisten Patty, Mia und Noa ins Frontlicht gerückt werden, die jedoch nichts anbrennen lassen. Man gewinnt mit mir jetzt jedoch keinen neuen Klassik-Fan dazu, aber dass was hier gezeigt wird, rückt den Begriff Symphonic Metal in ein ganz neues Licht und dies von einer Power Metal Band.
Nach drei Songs müssen wir den Fotograben verlassen und ich hänge mich ins Schlepptau von Metalinside Kollege Pam, um die versammelte Crew des Magazins zu begrüssen, die geschlossen vor Ort sind, um ebenfalls die Lieblingsbad ihres verstorbenen Mitschreiber und -Fotografen Kaufi zu feiern. Danach bahne ich mir den Weg wieder durch das immer dichter gefüllte Infield des Hallenstadions zurück in Richtung des Fotografeneingangs um pünktlich um 20:10 vor Ort zu sein. Dann nämlich sollen sich die heute neun anwesenden Fotografen einfinden zum Briefing. Was jetzt kommt, gibt es nur bei Sabaton. Zumindest habe ich es sonst noch nirgends so erlebt. Nick, der PR-Manager der Schweden, lädt zum Briefing ein. Es ist nicht genug, dass wir bereits die Setliste erhalten haben. Nein, diese ist auch noch mit Piktogrammen versehen, um zu wissen, was wann und wo in der Show passiert. Diese Details werden von Nick genau erklärt, gespickt mit weiteren Hinweisen zur anstehenden Show. Während des Briefings wird mir immer mehr klar wie speziell dieses Konzert wird. Vor meinem geistigen Auge sehe ich bereits eine Mischung aus Konzert, Theater und Musical. So viel vorweggenommen, was es ehrlich gesagt auch wird. Geschlagene zwanzig Minuten nimmt sich Nick Zeit auf alle Fragen einzugehen, die von Seiten der Fotografen kommen, wo gibt es denn dies bitte sehr schon, einfach unglaublich. Es wird auch schnell klar was der Buchstaben auf dem Fotopass bedeutet, wir werden auch noch in zwei Gruppen aufgeteilt, damit sich jeder so frei wie möglich im Fotograben bewegen kann. Sogar kleine Tritte für die besser Sicht auf die Bühne stellt uns Nick zur Verfügung. Daran sollten sich andere Bands einmal ein Beispiel nehmen.
Jetzt aber rein in den Fotograben, aber Halt, da findet ja noch gar nichts statt. Lasst es mich so erklären. Sabaton haben nach der letzten Tour mitgeteilt, dass es sich um die grösste Produktion gehandelt hat, welche sie je hatten. Die aktuelle Legendary Tour lässt diese jedoch zurückstufen, und zwar richtig. Geblieben ist eigentlich nur der pyromanische Aspekt, welchen die Jungs aus Falun jeweils an den Tag legen. Anbrennen lassen sie definitiv nichts. Ansonsten ist die Bühne in nichts mehr zu vergleichen mit dem, was man sich gewohnt war. Kein Panzer, kein Stacheldraht und viele weitere Accessoires mussten zu Hause bleiben, wie sich im Verlauf der Show noch herausstellen wird. Neu haben sie eine Bühne, die einer riesigen Burg aus der Kreuzritterzeit stammt, gleicht, konzipiert. Da jede anständige Burg über eine Zugbrücke verfügt, hat man auch diese als Hebebrücke, die sich unter das Hallendach ziehen lässt, mitgebracht. Diese Brücke verbindet die Hauptbühne mit der B-Stage, wie sie genannt wird, welche in der Hallenmitte aufgestellt ist. Dort beginnt nun auch das Schauspiel, oder Theaterstück zwischen den Herrschern, Napoleon, Dschingis Khan und Julius Cäsar, welche einige Minuten, für manche zu lange, darüber streiten, wer der grösste Herrscher der Geschichte ist. Napoleon lässt es sich nicht nehmen auch ein paar französische Worte einzustreuen, hat er doch auch die Schweiz durchstreift. Mit einem Augenzwinkern in Richtung einer der grössten Popbands der Geschichte, ABBA, verweist er auch auf seine Niederlage in Waterloo. Unterbruch findet der Geschichtsexkurs dann als eine Horde Tempelritter die kleine Bühne betreten und sich als die Joakim, Pär, Chris, Thobbe und Hannes zu erkennen geben. Der musikalische Einstieg ist dann logischerweise «Templars» vom aktuellen Album. Bei «Hordes Of Khan» fängt dann die Gasflasche richtig an zu glühen, was da an Pyros abgefeuert wird ist schon krass, da bin ich froh, bin ich in der zweiten Gruppe eingeteilt, damit ich dieses Feuerwerk von der Seite her einfangen kann, ihr erinnert Euch die Bühne ist ziemlich hoch. So der Dschingis Khan Song ist durch, es folgt der Napoleon Song «I, Emporer» und die Kanonen werden aufgefahren, gezündet und der Kaiser gleich mehrfach nach St. Helena geschossen so, dass, historisch in nicht ganz der korrekten Reihenfolge, Julius Cäsar den Rubicon überqueren kann. Es geht also echt was auf der Bühne, und ja es ist wirklich das Spektakel, was die Schweden versprochen haben. Rechtzeitig zur Herrschaft von Karl XII. kann ich nun in den Fotograben um die Krönung des gottgewollten Königs mit viel Pyros in der ersten Reihe miterleben. Es geht Schlag auf Schlag weiter mit dem roten Baron (diesmal ohne Flieger, passt auch nicht zur Burgkulisse). Bei «Stormtroopers» orientiert man sich am filmischen Werk von George Lucas, präsentiert jedoch den Rückkehrer Thobbe Englund im Rampenlicht mit seiner blauen Fender Strat mit entsprechender Lackierung. Meine drei Songs im Fotograben sind vorüber, üblicherweise packt man jetzt die Kamera zusammen und geniesst die Show von den Medienplätzen aus. Nicht bei Sabaton, sie haben noch einen zweiten Fotograben gleich hinter dem Golden Circle, welcher für einen Song herhalten darf. Danach wird uns erlaubt von überall im Hallenstadion aus, Fotos zu machen. Auf jeden Song einzeln einzugehen, würde den Bogen hier jetzt ein wenig überspannen. Erwähnenswert jedoch ist definitiv «Attack Of The Dead Man». Hier ist jetzt wieder einmal die Zugbrücke unten und die Band nimmt den Gang zur B-Stage unter die Füsse. Joakim ausgerüstet mit Gasmaske und seiner «Rauchkanone». Dies als solches ist noch nichts Spezielles, diese Gimmicks kamen in der Vergangenheit schon zum Zuge. Speziell aber ist die Tatsache, dass die Brücke hochgezogen wird, während die Band auf der B-Stage spielt. Den Weg zurück zur Hauptbühne bahnen sie sich dann, umrahmt von einigen Security und Crewmitglieder, mitten durch das Publikum, mehr Nähe geht nicht. Apropos Publikum, dieses feiert die Band komplett ab, singen mit wo sie nur können und lassen das fast ausverkaufte Hallenstadion kochen. Die Stimmung ist an jedem Eck hervorragend und braucht keinerlei Animationsversuche von den Hauptakteuren. Ich für meinen Teil bin mir jedoch diesen «noch ein Bier» Rufen überdrüssig. Die braucht es echt nicht mehr, das Ding hat sich totgenudelt wird aber vom Publikum heute sogar auf den Schlagzeuger Hannes ausgeweitet, der sich das Bier auch auf Ex genehmigt. Naja, solange die Band, insbesondere Joakim es mitmacht, lass ich es durchgehen.
Es hat für mich schon fast so den Beigeschmack wie die Helga-Rufe auf dem Festival Camping. Langsam, aber sicher kommt auch die beste Show zu einem Ende und da packt die Band eine der wohl ältesten Nummern aus. «Masters Of The World» erschien ursprünglich als Demo, noch bevor ihr offiziell erstes Album vor genau 20 Jahren erschienen ist. Mit dem Album «Metalizer» wurden die Demos neu aufgelegt und als Bonus Disc und der breiten Sabaton Armee weitergegeben, die keines der 600 Demos ergatterten. «Masters» wird nun aber so richtig in die Länge gezogen, die Brücke nochmals runtergelassen. Dabei lässt sich die Band wohlverdient feiern ohne Ende, zeigt sich aber dankbar für das hier und jetzt erlebte und bedankt sich auch bei den 200 (zweihundert)!!!! Crewmitglieder, welche sie bei diesem gigantischen logistischen Unternehmen The Legendary Tour begleiten.
Beim Verlassen der Halle sehe ich nur zufriedene Gesichter. Sabaton setzen mit dieser Produktion definitiv neue Massstäbe, was die Inszenierung eine Metalkonzertes angeht. Die Grenze zwischen Theater, Musical und reinem Konzert verschwimmen hier und ich bin gewagt es als Doku die sonst auf ZDF History oder Arte läuft, abzutun. Sabaton mögen musikalisch auf Platte polarisieren und längst nicht alle mögen was sie textlich historisch korrekt, musikalisch wiedergeben. Showtechnisch jedoch bieten ihnen zurzeit nur sehr wenige Acts die Stirn. Als einer der ihre Karriere nun doch schon zwanzig Jahre miterlebt, ist es faszinierend, wie sie konsequent ihr Ding durchziehen, und nun da angekommen sind, wo sie stehen. Nämlich auf dem Höhepunkt der Karriere, im Olymp, auf dem Kaiserstuhl des Power Metals. Es wird interessant werden in den kommenden Jahren wie sie dies hier noch übertrumpfen werden oder ob sie es überhaupt wollen. Aktuell kann ich eine Show der Schweden jedoch nur weiterempfehlen, egal ob man sie mag oder nicht. Vielen Dank an Good News Production und Jessica für die Betreuung vor Ort. Meinen Dank an Nick und Sabaton habe ich bereits im Bericht ausgesprochen, wiederhole ich jedoch gerne nochmals, wenn es doch bei allen Konzerten so angenehm wäre.