Rock The Lakes oder doch eher Rock The Heat - Mein Rückblick

Aus metrologischer Sicht neigt sich der Sommer so langsam dem Ende entgegen, aber dies ist der Sonne anscheinend noch immer scheissegal. Sie brennt seit rund zwei Monaten unbarmherzig aus rund 150 Millionen Kilometer auf uns und lässt sich auch durch eine Sonnenfinsternis nicht beirren. Der Festivalsommer kann sich also sehen lassen, auch wenn es für die nächsten Tage in Cudrefin schon ordentlich heiss werden wird. Dem Flüssigkeitsbedarf sollte also genügend Beachtung geschenkt werden. Die Anreise gestaltet sich wieder als völlig unproblematisch und mein neues Domizil an der fünften Ausgabe ist verkehrstechnisch gut gelegen und auch das Einchecken gestaltet sich als angenehm unkompliziert. Bereits in der Hotel-Lobby trifft man die ersten Kollegen Nicolas, Elia und Thierry, mit denen ich für die nächsten drei Tage das Medienzelt, als auch den Fotograben teilen werde. Kurz das Zimmer inspizieren, dann geht es auch schon ab auf das Gelände. Ich habe schliesslich gesehen, dass der Parkplatz an einem neuen Ort ist und damit auch ein rund 10-minütiger Fussmarsch mit sich bringen wird. Dafür hat man bereits einen guten Ausblick auf das Gelände. Noch nicht einmal dort angekommen, begegne ich bereits einem weiteren bekannten Gesicht. Schnupfdose raus und damit wird dann auch Ralf begrüsst. Kurz den Fotopass entgegennehmen und dafür sorgen, dass mein Sohnemann, der wiederum mit dabei ist, sich mittels Pre-Paid Karte selbstständig auf dem Gelände bewegen kann. Das Festival ist nämlich bargeldlos, was gut funktioniert. Das Medienzelt ist in diesem Jahr erneut an einem anderen Ort, gleich hinter dem FOH, was mir wesentlich besser gefällt als noch im letzten Jahr.

Es geht jetzt aber los mit dem Festival. Um Punkt 14:00 Uhr starte ich am Freitag in mein Festivalabenteuer. Den musikalischen Auftakt machen A Small District, eine aufstrebende Schweizer Modern-Metalcore-Formation aus der Region um Thun, die mit ihren eingängigen Hooks und harten Breakdowns gleich zu Beginn für ordentlich Stimmung sorgt. Sie konnten sich ihren Platz auf dem Festival sichern, indem sie im Frühjahr als Gewinner der Hellvetia Ausgabe im Kiff in Aarau von der Bühne gingen. Da sich ihr Band-Domizil nicht allzu weit entfernt befindet, kommen am frühen Freitagnachmittag schon eine beachtliche Anzahl Fans vor die Bühne und feiern die 2011 gegründete Band richtigerweise ab. Die ersten Circle Pits bilden sich und erzeugen die ersten Staubwolken. Noch ahne ich nicht, wie staubig es wirklich noch werden wird. Was bleibt bei mir hängen? Dass man Youth Of A Nation von P.O.D. hervorragend in einen eigenen Song packen kann. Hier geht es zur Bildergalerie.

EXPELLOW – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260814

Direkt im Anschluss legen Expellow nach. Die Schweizer Metalcore-Band aus Zürich, die bereits seit 2008 aktiv ist und für ihren explosiven Mix aus Hardcore-Attitüde, thrashigen Riffs und der immensen Bühnenpräsenz von Frontfrau Mik Dean bekannt ist, zieht nicht nur vor der Bühne alle Blicke auf sich. Auch bei der anschließenden Autogrammstunde direkt neben der Hauptbühne. Ich finde es einmal mehr cool, dass die Organisatoren sich bemühen, möglichst viele Bands für die Autogrammstunden zu gewinnen und damit den Fans eine Möglichkeit geben, ihren Idolen richtig nahe zu sein. Zurück auf die Bühne wo die Wacken erfahrene Band hier ihre Trümpfe ausspielt. Dort konnten sie vor einem Jahr das Metal Battle für sich entscheiden und dadurch standen sie vor zwei Wochen erneut im hohen Norden auf der Bühne und dies wohl verdient. Im Nachhinein habe ich dann auch noch erfahren, dass der Verlauf der Karriere von Mik in den Händen der Chirurgie liegen. Musste sie sich kurz nach dem Auftritt einer (geplanten) Operation am Stimmorgan unterziehen. Diese ist glücklicherweise gut verlaufen. Ich kann mir jedoch nicht wirklich ausmalen, was es bedeutet, auf die Bühne zu gehen mit dem Wissen, dass es allenfalls das letzte Konzert sein wird, da die Prognosen der Ärzte durchaus auch dies in Betracht gezogen haben. Wer die Band bisher noch nicht auf dem Radar hatte, gegen Ende des Jahres sind wieder Konzerte geplant, kauft Tickets und geht hin, es lohnt sich. Was bleibt mir hängen? Die Schweiz hat auch im Bereich des Metalcore internationales Niveau erreicht, um die Welt mit guten Songs und einer anständigen Performance aufzumischen. Hier geht es zur Bildergalerie.

Dank der Doppelbühne geht es Schlag auf Schlag weiter. Es bleiben zwischen den Bands jeweils rund 10 Minuten Verschnaufpause, bevor es gleich wieder weitergeht.

Aus der Schweiz geht es nun noch Skandinavien, genauer nach Schweden. Die vier Jungs hören auf den Namen Allt, dies ist schwedisch und bedeutet Alles auf Deutsch und soll die Philosphie der Band gegenüber der Musik widerspiegeln. Anders ausgedrückt, mich erwartet nun ein bunter Strauss aus allen möglichen Einflüssen, von Metalcore, Djent, Deathcore bis zu Progressivem ist von allem etwas dabei. Vor zwei Wochen kam ihr neues Album Ataraxia auf den Markt und dieses gilt es nun auch ein wenig zu promoten. Das kein Bassist auf der Bühne steht, ist für mich aber ein klarer Minuspunkt. Zwischenzeitlich mache ich mich aber auf den Weg, ein paar bekannte Gesichter zu begrüssen und ein bisschen Small Talk zu betreiben. Ich werde hellhörig, als ich dann doch ein paar akustische Gitarren höre. Das will ich sehen, was leider ein Fehlentscheid war. Wenn ich dann nämlich den Blick auf die Bühne erhasche und sehe wie zwei Gitarristen ihr Arbeitsgerät lässig am Hals hängen lassen und ohne Einwirkung von den zur Verfügung stehenden zehn Gliedmassen selbst die akustische Gitarre vom Band kommt, fühle ich mich im falschen Film. Was bleibt also von diesem Auftritt hängen? Nichts weiteres als ein schlechter Eindruck einer ansonsten talentierten Band. Hier geht es zur Bildergalerie.

Da weht von der zweiten Bühne, der Iceberg Company Stage, ein anderer Wind. Dort werden die Instrumente noch selbst gespielt und auch der Tieftöner ist am Start. Auch wenn die kanadische All-Girl Band Kittie bereits 1996 gegründet wurden, gingen sie bisher komplett an mir vorbei. Liegt vielleicht auch daran, dass mir Nu Metal nie wirklich zugesagt hat und ich den Zugang erst viel später zu dieser Stilrichtung gefunden habe. Wenn man dem Portal Setlist.fm vertrauen kann, ist es aber auch schon bereits 16 Jahre her, als die Band zuletzt in der Schweiz waren. Meine Nachforschungen ergeben jedoch, dass sie anfangs der 2000er Jahre durchaus sehr erfolgreich unterwegs waren, mit Heavy Rotation auf MTV. Ja sogar als die bekannteste Frauen Band des Nu Metals wurden sie verschrien und haben rund zwei Millionen Alben an Frau und Mann gebracht. Was ist mir geblieben auf Auftritt der Kanadierinnen? Auch 30 Jahre nach Gründung haben sie noch eine Relevanz und ich werde definitiv einmal in ihrer nicht sehr umfangreichen Diskografie stöbern. Hier geht es zur Bildergalerie.

Zurück auf der Monster Stage überschreiten wir die Grenze zur USA, genauer nach Kalifornien zur Band Fu Manchu, die im nächsten Jahr ihr 40-jähriges Bestehen feiert, wenn man die Anfangsjahre als Virulence mit einrechnet. In 40 Jahren geschieht viel und mit Scott Hill am Gesang und der Gitarre hat man nicht nur den Bandleader, sondern auch das noch einzig verbliebene Originalmitglied in den Reihen. Ihr Stil, Desert Rock, trifft es heute (und auch in den folgenden Tagen) goldrichtig. Es staubt auf dem ausgetrockneten Gelände, welches sehnlichst den Regen herbeisehnt, welche auf Sonntag prognostiziert ist. Es staubt so sehr, dass sich einige Zuschauer mittlerweile auch jeweils den Mund- und Nasenschutz überziehen, sobald ein Moshpit sich zu bilden beginnt. Fu Manchu ist jetzt nicht die Band, die diese Publikumsaktivität heraufbeschwört. Als ich den Fotograben betrete, sind sie noch vollends im Soundcheck vertieft und gehen schon fast fliessend über in das offizielle Konzertprogramm geht. Dabei gibt es wohl keinen treffenderen Song als Eatin’ Dust als Eröffner. Handwerklich top bin ich mir hier aber nicht sicher, ob zwar die Struktur der Songs vorgeben sind, innerhalb diesen jedoch immer wieder in einen aufeinander abgestimmten Jam übergeht. Mit Gozilla gibt es dann auch noch einen Coversong von Blue Öyster Cult. Was bleibt mit sonst noch hängen? Eine authentischere Band als Fun Manchu gibt es wohl nicht mehr. Gerade Scott Hill lebt jede einzelne Note mit jeder Faser seines Körpers mit, so geht Leidenschaft. Hier geht es zur Bildergalerie.

Eine weitere Legende betritt die Bühne, Overkill. Dass eine Band nach über vier Jahrzehnten im Musikgeschäft nicht zum nostalgischen Selbsterhaltungstrieb verkommt, ist im Thrash Metal selten, bei Overkill aber gelebter Standard. Während viele Veteranen der Thrash Metal Welle der 80er Jahre heute vor allem vom Ruhm vergangener Tage zehren, behaupten die Urgesteine bis heute eine Ausnahmestellung. Sie sind die unermüdliche und konstante Arbeitsmaschine innerhalb des Genres. Mit über 20 Studioalben haben sie sich ein Denkmal der absoluten Verlässlichkeit gesetzt. Ja ich habe enttäuschte Stimmen gehört, dass das Besetzungskarusell auch vor Overkill keine Ausnahme gemacht hat. Ich staune aber auch nicht schlecht, als ich anstelle von D.D. Verni, Christian Olde Wolbers, ehemals Fear Factory, am Tieftöner entdecke. Letztlich macht aber in meinen Ohren gerade Bobby’s Organ den Wiedererkennungswert der Band aus. Und es zeichnet die Qualität der Band aus, dass sie im Handumdrehen die Meute hinter dem Absperrgitter im Griff haben und zu den nächsten Circle Pits animieren können. So langsam werden auch die ersten Crowdsurfer nach vorne gereicht. Ich lausche dem Treiben vom Schatten aus zu, welcher das grosse Zelt auf der Seite steht, und überlege mir wieder was bleibt hängen bevor der Punk-Klassiker Fuck You von der kanadischen Band The Subhumans den Abschluss macht. Ich frage mich eigentlich wieso haben es Overkill nicht in die Big Four geschafft und zählen nur zur inoffiziellen Nummer 5? Dabei verloren sie nie, wie andere, ihre Glaubwürdigkeit. Hier geht es zur Bildergalerie.

Vor zwei Jahren bereits haben die Schotten Bleed From Within an gleicher Stätte gespielt, damals noch auf der heutigen Iceberg Bühne. Heute spielt eine der stärksten Live-Bands des modernen Metalcore, auf der Monster Bühne. Die Jungs

BLEED FROM WITHIN – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260814

aus Glasgow haben sich über die letzten Jahre vom Geheimtipp zur Speerspitze des modernen Metals hochgearbeitet. Wo andere Bands des Genres in Belanglosigkeit verblassen oder ihren Härtegrad komplett für den Mainstream opfern und sich schon fast in die Gefilde des Pop-Metals begeben, haben Bleed From Within die perfekte Balance gefunden. Ihr Sound ist eine wuchtige Abrissbirne aus peitschenden Riffs, präzisem modernen Thrash und monumentalen Hymnen. Sie sind spielend in der Lage das Gelände in ein einziges Mosh-Pit Meer zu verwandeln und die Security damit zu beschäftigen die Crowdsurfer zu empfangen. Sänger Scott Kennedy schaut dem Treiben vom Bühnenrand auf den Boxen lauernd zu und klatscht schon mal den einen oder anderen Crowdsurfer ab und geht auch mal hart ins Gericht mit der Security, die ebendiese geradewegs an ihm vorbei aus dem Pit begleiten. Dabei hat Scott sichtlich seinen Spass daran. Was bleibt mir vom Auftritt hängen? Einmal mehr das typische rollende «R» der Schotten und wie aufmerksam Scott während des Auftritts ist. Heisst er doch ein Trikot der schottischen Nationalmannschaft mit einem Daumen nach oben gut, als er es entdeckt. Dies wiederum zeugt davon, wie sehr er die Meute im Griff hat. Hier geht es zur Bildergalerie.

Eine relativ kurze Anreise hat heute die Berner Band Breakdown Of Sanity, die heute zur fortgeschrittenen Stunde auf die Bühne dürfen. Unermüdlich haben sie sich über die letzten Jahre diesen Status erspielt, keine Selbstverständlichkeit. Sie nehmen in diese Szene nämlich eine absolute Sonderstellung ein. Als Do-It-Yourself Band beweisen sie schon seit der Gründung, dass man ohne Major Label, ohne riesiges Management und nur durch rein kompromissloses Songwriting weltweite Strahlkraft erreichen kann. Trotzdem werde ich nicht so richtig glücklich mir der durchaus technisch versierten Band. Sind mit die Songs der Band aus Schottland zuvor zugänglicher, empfinde ich es hier als sperriger. Ich verstehe auch nicht ganz, wieso sie diesen Slot zur späten Stunde belegen. Das Infield gibt dem Veranstalter jedoch recht, denn dieses ist ziemlich voll. Auch wenn sie vermutlich auch nicht viel mehr sehen, zumindest während den ersten drei Songs. Der Mann an der Nebelmaschine hat beim Drücken des Auslösers wohl einen Krampf bekommen und lässt die Bühne vollpumpen. Natürlich sehr zur Freude der Fotografen, die auch noch mehrheitlich rotes Licht bekommen. Wenn man schon keine Fotos möchte, kann man dies natürlich auch so machen. Was bleibt mir hängen? Eben genau dieses, freue mich schon auf das Aussortieren der Fotos und die Ausbeute. Hier geht es zur Bildergalerie.

Es wird Zeit für den Headliner. Bereits am Ende der Ausgabe 2025 wurden In Flames angekündigt und lässt mich somit ein Jahr mit Vorfreude auf den Auftritt 365 Tage verstreichen. Die Pioniere des legendären Gothenburg Sound haben in den 90er Jahren den Melodic Death Metal mit erfunden und den Grundstein für ganze Genregenerationen gelegt. Wer die Schweden heute live erlebt, spürt jedoch schnell, dass die Band weit mehr ist als eine nostalgische Geschichtsstunde. Auch wenn mit Artifacts Of The Black Rain ein Song vom zweiten Album The Jester Race den Weg in die Setliste gefunden hat, kommen hauptsächlich Songs vom aktuellen Album zum Zuge. Mit diesem Album haben sie die beeindruckende Symbiose geschafft, die aggressive Härte der Frühphase mit der hymnenhaften Dynamik der jüngsten Werke zu vereinen. Leider bekommen die Schweden aber gerade heute Abend den schlechtesten Sound spendiert. Ich höre kaum die Keyboards, welche die Songs mit grandiosen Soundteppichen unterlegt. Grandios jedoch die optische Präsentation. Auf den erstmals an diesem Festival eingesetzten LED-Videoscreens werden die Songs passend optisch aufgewertet. Mir bleibt aber neben dem suboptimalen Sound auch hängen, dass In Flames berechtigt immer noch zuoberst auf dem gefestigten Thron sitzen und vorerst dort zu bleiben gedenken, auch wenn ich der Stimme von Anders Fridén einmal eine dringend benötigte Pause gönnen mag. Hier geht es zur Bildergalerie.

So kommen wir um Mitternacht auch schon zur letzten Band des Abends, der mittlerweile angenehm kühl ist. Das es trotzdem heiss zu und her gehen wird, dafür wird Soulfly sorgen. Es gibt keine andere, mir bekannte Band, die so gekonnt mit spirituellen und tribalen Elementen zu jonglieren vermag und dies in die unterschiedlichen Metaleinflüsse einbringen kann wie das brasilianische Familienunternehmen Soulfly. Sie sind eine unumstössliche Konstante in der DNA des extremen Metals. Wer glaubt, dass Max Cavalera mit seinem Sohn Zyon (Schlagzeug) und den restlichen Mitgliedern einen gemütlichen tribalen Familienplausch auf der Bühne verbringen wird, wird ganz schnell eines Besseren belehrt. In einer Zeit, in der oft zwischen technischer Überperfektion und glattpolierten Produktion geschwankt wird, wirkt Soulfly wie eine ungezähmte Urgewalt. Gerade Zyon drescht auf die Felle ein, als gebe es kein Morgen mehr, tierisch was er da abliefert. So kann man sagen, dass sowohl in der Band als auch live, Soulfly spielend die Brücke zwischen generationenübergrifender Nostalgie und kompromissloser Präsenz im Hier und Jetzt zu schlagen vermag. Die letzten Klänge des Auftrittes nutze ich noch als Soundtrack für den Fussmarsch den Hügel hoch zum Auto. Rechtzeitig mit dem Öffnen der Tür wird es dann auch auf der Bühne still. Was bleibt ist das Wissen, dass Soulfly nicht ihr Erbe verwalten, sondern es an diesem Abend vollends ausgelebt haben. Hier geht es zur Bildergalerie.

Neuer Tag, neues Glück. Auch der heutige Tag hat einige grossartige Bands auf dem Billing. Es besteht sogar die Hoffnung, dass es heute nicht so krass heiss sein wird und der Boden vielleicht auch nicht mehr ganz so staubig, da es in der früh sogar geregnet hat. Ein seltenes Gut in diesem Sommer, nur als ich auf dem Gelände ankomme, ist schnell zu erkennen, es war nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Wie sang Peter Schilling in den 80er Jahren doch so schön; die Wüste lebt. Die Sonne bleibt zwar nicht auf drei Uhr stehen wie im Song, obwohl als Zentrum bleibt sie irgendwie doch stehen und wir drehen uns. Habe ich jetzt einen Fehler im Song der 80er Ikone entdeckt, oder ist dies der Fehler im System, so wie sein dazugehöriges Album heisst. Egal, Fakt ist es wird wieder an die 35°C heute, dafür mit ein paar Schleierwolken mehr, bestes Festivalwetter also, Sonnenschutz ist aufgetragen, also wird zur Mittagsstunde auch der Fotograben geentert.

Die schwere Aufgabe, das Festival heute zu eröffnen, kommt der Band Uncircle zugute. Die Walliser Band, hatte bei der Hellvetia Sprungbrett Aktion teilgenommen, jedoch im Frühjahr den Kürzeren gezogen. Da die indische Band Panchabhuta ihren Auftritt abgesagt haben, bekommen Uncircle nun also einen Slot. Und die Band bringt eine gewaltige Dosis Energie und musikalische Präzision auf die Bühne. Verlangt in der Mittagshitze dem bereits zahlreich vorhanden Publikum alles ab. Die ersten Staubwolken werden als Bilateralschaden eines Circle Pits verzeichnet. Sie nutzen ihre kurze Spielzeit optimal aus und hinterlassen einige zufriedene Gesichter und vermutlich auch neue Fans. Sie holen sich sogar einen Gast auf die Bühne. CK Smile, Sänger von Chaoseum kommt zum Duett vorbei und setzt hier noch einen obendrauf. Und genau dies bleibt bei mir hängen, wenn man an einem Wettbewerb «nur» Zweiter wird, kann sich immer noch die Tür öffnen. Hier geht es zur Bildergalerie.

Es bleibt kaum Zeit, um Luft zu holen, denn im Nachmittagsprogramm geht es Schlag auf Schlag. Durch die etwas kürzere Spielzeit der Bands, muss man sich schon einteilen, wann man etwas von der vielfältigen Auswahl der Essensstände holen möchte. Es gibt wirklich für jeden etwas, meinem Sohn hat es vor allem der Vietnamese angetan. Ich verschiebe die Nahrungsaufnahme noch um ein paar Stunden, konnte ich doch ein reichhaltiges Frühstück im Hotel geniessen. Also ab in den Fotograben. Dort stehen die Gewinner der Hellvetia Ausgabe in der Sunset Bar von Martigny auf der Bühne, Alchemists. Der Name ist irgendwie Programm, nachdem Intro von John Williams, kommt die vertrackte, progressive Formel zum Zuge. Erst als ich ein wenig genauer hinschaue, entpuppt sich das 7-saitige Instrument als Bass. Dies ist definitiv nicht die Art von Musik, die so ganz nebenbei genossen werden kann, hier muss man zuhören, um dem zu Folgen was hier abgeht. Der Sänger jedoch folgt mehr dem Ruf des Publikums und begibt sich auch gleich unter dieses, um höchstpersönlich einen Circle Pit zu lancieren, dass nennt man vollen Körpereinsatz. Was bleibt ist, dass Alchemists es schaffen, aus technischer Perfektion und roher Energie einen pausenlosen Schlagabtausch zu generieren, der trotz Komplexität der Songs, beim Publikum zu Eskalationsschüben verursacht. Hier geht es zur Bildergalerie.

SCARE THE CHILDREN – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260815

Es geht fernöstlich weiter mit einer Band, die zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz spielt. Zu verdanken ihrem Manager, der Schweizer ist und lange in China gelebt hat. Ja richtig, dass Rock The Lakes hat sich im chinesischen Untergrund umgeschaut und mit Scare The Children eine chinesische Band nach Cudrefin geholt. Sie selbst bezeichnen ihren Stil als Theatric Metal, kommen mit Masken auf die Bühne, welche den Horror symbolisieren. Sicher kein einfaches Unterfangen, bei dieser Hitze maskiert auf der Bühne zu stehen. Wenn sie denn auch nur stehen würden. Nein. Sänger Psy Sadako tigert als Raven Witch wie von der Hornisse gestochen über die Bühne. Aufsehen erregt auch Yurko, deren Bühnenname Demonic Geisha heisst. Sie steht zwar hinter dem Keyboard, rückt dieses aber schon schnell einmal ein bisschen näher an den Bühnenrand und nützt ihren zugewissenen Aktionsradius maximal aus. Die Band wurde 2014 in Peking gegründet mit Musikern aus allen Landesteilen aus dem Reich der Mitte um nun ihre Leidenschaft in die Welt zu tragen. Ich staune auch als der Sänger auf Französisch Worte an das gefesselte Publikum richtet, da ist einer aber gut vorbereitet. Mir wird zwar das Gekreische irgendwann zuviel und ich mache mich darauf einige Stände auf dem Infield zu besuchen. Mein Eindruck von der Band ist jedoch durchaus positiv zu werten. Da ich selbst rund ein Dutzend Mal in China war, kann ich mir in etwa vorstellen was es bedeutet und wieviel Aufwand es benötigt eine Band wie Scare The Children zu internationalisieren, dabei sind sie weit mehr als die asiatische Antwort auf Slipknot. Hier geht es zur Bildergalerie.

Eigentlich erwarte ich als nächstes lauter schwarze Anzüge und einen bluesigen Anstrich des Gesamtpaketes. Wieso sonst soll sich eine Band Elwood Stray nennen, wenn nicht als Anlehnung an die Blues Brothers. Da ich aber an diesem Wochenende auch Leute antreffe, denen die Blues Brothers nichts sagen, muss ich meine Erwartungshaltung etwas herunterschrauben. Dafür bekomme ich eine treffsichere Mischung aus Post-Hardcore und Metalcore serviert. Die Jungs aus Essen feiern ihr zehnjähriges Jubiläum und vielleicht doch leicht angelehnt an John Belushi, erscheint Sänger Maik doch trotz Affenhitze in langen Jeans und ein langärmigen Jacke. Durch extensive Touren an der Seite von diversen internationalen Schwergwichten haben sie sich den Ruf erarbeitet, live eine mitreissende Band zu sein. Und dies stellen sie hier auch unter Beweis. Was ich aber mittlerweile bemerke, und genau dies nehme ich mit vom Auftritt. Für mich klingen alle Bands, insbesondere deutsche Bands, irgendwie gleich, keine sticht mehr heraus. Alles klingt etwas nach Annisokay und/oder Caliban. Hier geht es zur Bildergalerie.

Seit knapp zwei Jahrzehnten zählen Revocation aus Boston für technisch anspruchsvollen Death Metal mit Thrash Einlagen. Frontmann und einzig übrig gebliebenes Gründungsmitglied, David Davidson, der sich an der Gitarre als auch am Mikrofon austobt überzeugt ohne Ende. Der Berklee geschulte Sechs Saiten Virtuose verbindet progressive Jazz-Harmonien mühelos mit kompromissloser Härte. Ob dies auf der Bühne funktioniert? Ja, und wie. Revocation bringen eine Wucht auf die Bühne, die keine Fragen offenlässt. David nutzt sein musiktheoretisches Fundament nicht zur Selbstdarstellung, sondern bleibt jederzeit songdienlich. Was bleibt mir? Trotz musikalischer Bildung muss Musik nicht ohne Seele daherkommen und genau dies beweisen Revocation. Hier geht es zur Bildergalerie.

Dann gibt es eine Premiere. Mit dem erst zehnten Liveauftritt der finnischen Band Hokka, wagt sich die Band nun auch erstmals ausserhalb der Heimat auf die Bühne. Die Ehre kommt dem Rock The Lakes zu teil. Obwohl Kollege Ralf anmerkt, dass dies so nicht ganz stimmt. So spielte die Band anfangs August in der Rockausgabe des Fernsehgartens. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob ein Playback Promo Auftritt wirklich dazu gezählt werden kann. Natürlich bin ich im Anschluss im Archiv des ZDF diesen Auftritt anschauen gegangen, muss aber feststellen, dass ein Mitglied aus dem Fernsehgarten heute ersetzt worden ist. Dies fällt mir auf, weil zwei Drittel der Band durchaus keine Unbekannten in der Rockszene sind und ich eigentlich schon beim Bandnamen hätte hellhörig werden sollen. Hokka ist der Nachname von Joel, der wiederum wurde weltweit bekannt durch den Auftritt mit seiner früheren Band Blind Channel beim ESC. Das andere bekannte Gesicht betrifft den Gitarristen Pauli Rantasalmi, Gründungsmitglied und Songschreiber von The Rasmus, bis er 2022 die Band aus persönlichen Gründen verlassen hat. Er ist heute jedoch nicht mit dabei, anders als beim Fernsehgarten, da er aufgrund familiären Verpflichtungen zu Hause geblieben ist, wird hier ersetzt durch Antti Honkanen. Wer auf ein Festival geht, hofft immer auf diese eine besondere Entdeckung im Line-Up. Hokka ist diese Entdeckung. Sie haben das Rad

HOKKA – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260815

der melancholischen Rockmusik zwar nicht neu erfunden. An allen Ecken und Kanten, die schön geschmeidig geschliffen sind, hört man die musikalische Vergangenheit raus, gerade The Rasmus drückt immer wieder durch. Ich jedoch finde mich nach dem Fotograben, zuvorderst im am Absperrgitter wieder ein, um die Band zu feiern. An vorderster Front auf der Bühne steht Joel, der gar nicht so viel tun muss, um mit seiner Ausstrahlung die Bühne einzuverleiben. Der mir bisher unbekannte Schlagzeuger Jimi Aslak und Pauli bleiben dafür mehrheitlich hinten auf ihren Podesten. Für mich ein klares Zeichen, dass bei Hokka hauptsächlich die Songs im Mittelpunkt stehen sollen. Dass man keinen Bassisten dabei hat, davon sehe ich jetzt einmal ab, kommt ja eh in Mode. Mit einem Album im Gepäck, bedient man sich auch gerne dem Mittelfinger Song Dark Side, eben genau dieser ESC-Song von Blind Channel. Was bleibt mir in Erinnerung? Ich habe eine neue Band entdeckt, die nun meine Playlist beherrscht. Aber auch, dass ein Metal Publikum textsicher Angel von Robbie Williams im Griff hat. Hier geht es zur Bildergalerie.

Nach diesem willkommenen Ausflug in eine ruhigeres, melodisches Gefilde der Rockmusik, geht es weiter mit einer französischen Band, welche sich in nur sechs Jahren an die Spitze der modernen Nu-Metal. Damals 2020 gründete Aaron Matts, der ehemalige Sänger von Betraying The Martyrs die Band ten56. Dass ten56. längst kein blosses Nebenprojekt mehr ist, sondern zu den tonangebenden Impulsgebern des modernen Extreme Metal gehören, stellt der Fünfer ab der ersten Sekunde unter Beweis. Die Franzosen stehen für eine Wandlung im Genre ein. Weg von technischem Selbstdarstellungswahn, hin zu bleischwerer, beklemmender Atmosphäre und ungebremster Aggression. Mit ihrer explosiven Mischung aus Nu Metal, Deathcore, klirrenden Industrial Elementen und der Stimme von Aaron, walzt die Band hier in Cudrefin über das Gelände wie ein Bulldozer. Was mir vom Auftritt der Franzosen bleibt? Es zeigt sich einmal mehr, dass ich einfach zuwenig in die französisch sprechenden Sprachregionen auf diese Welt sehe, um Bands zu entdecken, irgendwie sollte ich dies ändern. Hier geht es zur Bildergalerie.

Da kommt eine Band ans Rock The Lakes, die bereits 1993 gegründet wurden und ich habe es doch tatsächlich geschafft, bis heute bewusst noch nie etwas von der Band Mushroomhead mitbekommen zu haben. Im Fotograben angelangt, wundere ich mich zuerst einmal über die jeweils seitlich stehenden Standpauken, wird wohl ziemlich perkussiv, denke ich mir noch. Da steht dann unvermittelt ein maskiertes Bandmitglied am Bühnenrand und isst genüsslich eine Banane. Habe ich so auch noch nie gesehen, aber ja, bei diesem Wetter muss für genügend Energie gesorgt werden. Was jetzt abgeht ist reinste Unterhaltung wie es nur eine amerikanische Band zustande bringt. Die beiden Standpauken entpuppen sich als Wasserpauke, was heisst, dass bei jedem Schlag Wasser in die Höhe spritzt. Für die Musiker auf der Bühne eine willkommene Abkühlung und ganz nebenbei eine recht coole perkussive Einlage. Bereits beim zweiten Song herrscht Aufregung im Fotograben. Da das einzige nicht maskierte Bandmitglied, Jackie LaPonza die Grenzen der Bühne verschiebt. Kurzerhand stürmt sie die Barrikade und lässt sich auf Händen tragen und singt dabei noch ihre Parts astrein. Dass lassen sich die beiden andern Sänger natürlich nicht nehmen und auch sie befinden sich abwechselnd crowdsurfend im Publikum. Was für eine intensive Show in der Nachmittagshitze von Cudrefin. Ich lasse es mir nicht nehmen und bahne mir ebenfalls den Weg bis nach ganz vorne im Publikum. Meinen Respekt an dieser Stelle an die Security, die dürfen einen Crowdsurfer nach dem anderen im Empfang nehmen. Es geht echt was ab da vorne vor der Bühne. Hier wird allerbeste Unterhaltung geboten, musikalisch verpackt in einen einzigartigen Mix aus Nu-Metal, Industrial und Hardcore. Angeblich haben sie in der Vergangenheit immer wieder mal als Slipknot Clones herhalten müssen. Ehrlich gesagt, finde ich im hier und jetzt Mushroomhead um einiges intensiver und interessanter als die Band aus Iowa. Was bleibt mir hängen? Einerseits, dass ich auch mit meinen bald 60 Jahren noch zuvorderst vor der Bühne mithalten kann und Mushroomhead die heute wohl intensivste Erfahrung war und bleiben wird. Ganz grosses Kino, beim nächsten Schweizer Konzert werde ich dabei sein, zuvorderst, garantiert. Hier geht es zur Bildergalerie.

Noch ein paar Jahre länger auf dem Buckel haben die Schweizer Pioniere von Coroner. Sie waren einige Jahre weg vom Fenster, bevor sie Mitte der 90er Jahre für fast zwei Jahrzehnte von der Bildfläche verschwanden. Im letzten Jahr lieferten sie nach 32 Jahren mit Dissonance Theory ein neues Album ab, welches bei allen Kritikern nur voll des Lobes war. Das Trio, welches auch oft als Rush des Thrash Metals bezeichnet wird, liefern heute in der Staubhölle von Cudrefin Riffs von mathematischer Präzision ab. Klassische Harmonien vermischen sich mit komplexen Taktwechseln ab, so dass es schier unmöglich ist dem handwerklichem Können auf der Bühne zu folgen. Bei mir kommt der Dream Theater Effekt hoch, der in etwa so funktioniert, dass ich frustriert bin und wohl für eine Woche meine Bassgitarre nicht mehr in die Hand nehme. Sie liefern hier eine Machtdemonstration ab wo jedes Riff wie ein chirurgischer Handgriff sitzt. Was bleibt mir dabei hängen? Genau diese Präzision ist es welche in meinen Augen hauptsächlich bei einer Coroner-Tour funktioniert. An einem Festival steht das Publikum schon fast so andächtig wie in einer Kirche im Infield mit heruntergelassener Kinnlade und staunt. Richtige Festivalstimmung kommt dabei kaum auf, wird aber auch nicht der Anspruch der Band sein. Sie scheinen ihren Spass daraus zu ziehen, zu zeigen wo der Hammer hängt und wie man auch noch nach über 40 Jahren Showgeschäft nicht die Spur von Relevanz eingebüsst hat. Ich kann es nur vermuten, aber viele Bands, die dieses Wochenende spielen, würde es in dieser Form wohl ohne Coroner nicht geben, oder einfach anders. Hier geht es zur Bildergalerie.

Als nächstes auf die Bühne kommen Clawfinger und die Schweden holen richtig viel Leute vor die Bühne. Kein Wunder die Schweden sind einfach ein Garant für eine Gute-Laune Show. Dies haben sie schon an der ersten Ausgabe des Rock The Lakes gezeigt. Zudem gehört zu diesem Erfolgsrezept bestimmt auch die Selbstironie mit welcher Sänger Zakk immer wieder die Lacher auf seine Seite zu ziehen vermag. Es ist also ein Wiedersehen nach vier Jahren für mich. Klar, ihr musikalischer Höhepunkt mit den Hits der frühen 90er Jahren liegt schon etwas zurück. Der Songkatalog heizt aber die Stimmung gleich ab der ersten Sekunde an. Apropos Songmaterial, Zakk bemerkt scherzhaft, dass sie es doch tatsächlich geschafft haben, nach 19 Jahren Wartezeit, mit Before We All Die ein neues Album rauszubringen. Damit sogar Guns N’ Roses haben alt aussehen lassen. Ist zwar nicht der Rekord zwischen zweien Alben an diesem Wochenende, da war wie oben erwähnt Coroner schon fast ein Generationenprojekt. Die Anspielung auf den Bauchumfang darf nicht fehlen. Auch wenn vor 4 Jahren der Vergleich gleich 1:1 am Bühnenrand ausgefechtet wurde. Die Band weiss auch ganz genau, dass ein Grossteil des Publikums wegen Arch Enemy vor der Bühne steht und sie gewissermassen nur die Vorgruppe sind. Statt dagegen anzukämpfen, drehen sie den Spiess einfach und begrüssen die Menge mit; Hallo Arch Enemy Fans. Clawinger erklären kurz vor Schluss auch noch, dass sie eine Band der alten Schule sind, was heisst, Zakk erklärt dem Publikum wie eine Zugabe funktionierrt. Es soll zwar das vermeintlich letzte Lied sein, in Wahrheit jedoch verstecken sie sich kurz hinter der Bühne und kommen zurück, sobald wir, das Publikum, genügend Lärm machen. Dieser Zugabenteil wird eingleitet durch den Überhit The Truth. Danach holt sich die Band eine Schar Kinder auf die Bühne bevor mit Do What I Say der endgültige Schlussakkord gespielt wird. Was bleibt mir hängen? Clawfinger spielen ihre Erfahrung voll aus und wissen sehr genau wie man ein Publikum zu Toben bringt. Nämlich mit technischen Fähigkeiten an den Instrumenten und einer gehörigen Prise komödiantischem Talent. Das Publikum ist zumindest richtig vorgeheizt für Pure Fucking Metal. Hier geht es zur Bildergalerie.

ARCH ENEMY – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260815

Genau das steht auf dem grossen Vorhang, der noch den Blick auf die Bühne des heutigen Headliners Arch Enemy versperrt. Dann folgt mit Ace Of Spades und der Khaos Overture die Introsequenz und leitet eine Metal Machtdemonstration ein. Beginnend mit Yesterday Is Dead And Gone, kann man eine neue Sängerin wohl nicht positionieren. Bekanntlich hat Alissa White-Gluz ende letzten Jahres den Posten am Mikrofon verlassen. Übernommen hat diese vakante Stelle Lauren Hart, ja und gestern, ist getreu dem Titel, tot und vergessen. Ich weiss nicht wieviele nach den ersten Vokalen sich Alissa wieder herbeigewünscht haben, ich jedenfalls nicht. Lauren beweist aber Sekunde Eins, dass sie die Idealbesetzung ist. Für mich kommt sie viel greifbarer und mit mehr Publikumsnähe rüber als noch zuletzt ihre Vorgängerin. The Wold Is Yours ist der nächste Song auf der Setliste und hier kommen heute zum ersten Mal Pyroeffekte zum Zuge und lässt die Abendkühle nochmals kurz auf Nachmittagshitze aufglühen. Ich bin grundsätzlich erstaunt, dass man die Bewilligung dazu bekommen hat, bei dieser Trockenheit. Ich hätte es nicht vermisst, wenn das kontrollierte Feuer ausgeblieben wäre. Denn die Band kommt auch ohne dieses Showelement aus. Arch Enemy sind wie eine gut geölte Maschine. Hier sitzt einfach jeder Ton perfekt, was die Darbietung hin und wieder schon fast wie ein steriles Operationsbesteck daherkommen lässt, welches in chirurgischer Präzision durch die Haut dringt. Der Sound ist glasklar, so dass wirklich jede Nuance der Flitzefinger vom Griffbrett wahrzunehmen ist, dabei gibt Daniel Erlandsson am Schlagzeug unermüdlich den Takt an. Wer anfänglich noch Zweifel hatte, wird wohl im Zugabenteil diese vermutlich allesamt abgelegt haben, Lauren ist DIE Sängerin, die Arch Enemy benötigt. Während Luftballons über das Infield hüpfen, knallt Nemesis aus der Beschallungsanlage. Was mir vom Auftritt hängen bleibt? Irgendwie habe ich rückblickend das Gefühl, als Alissa noch in der Band war, kamen sehr viel genau wegen ihr, war sie der optische Reizpunkt der Band und zog die Blicke auf sich. Mit Lauren kehrt für mich der Fokus wieder mehr zur Musik zurück. Auch sie sieht blendend aus, gleicht sich optisch, komplett in schwarz gekleidet, jedoch dem Gesamtbild an, ohne von der Musik abzulenken. Hier geht es zur Bildergalerie.

So langsam macht sich der lange Tag bemerkbar, eine Band steht jedoch noch aus und auf die freu ich mich besonders, auch wenn ich sie in diesem Jahr schon in der Konzertfabrik Z7 gesehen habe. Es ist kein Headlinerauftritt von neunzig Minuten der ansteht, sechzig müssen reichen, was natürlich auch Einfluss auf die Setliste hat. Aber auch im Gefüge der Band hat sich innerhalb diesen vier Monaten einiges getan, mit den Austritten von Pi und Klaas. Klaas war aus gesundheitlichen Gründen bereits im Z7 nicht mit auf der Bühne und wurde dort von Dom R. Crey ersetzt. Kurz vor dem Festival musste Chris Harms aber auch für den Ersatz einen Ersatz besorgen. Da Dom R. Crey nicht nur Bass spielt, sondern auch ein exzellenter Gitarrist ist, bestreitet er als Ersatz für Matthew Greywolf die anstehenden Shows für Powerwolf, die dann einen Tag darauf den Festivalabschluss machen. Pi ist heute nicht nachrekrutiert, wo nötig greift Chris selbst in die Saiten. Den Bassist hat man löblicherweise nachbesetzt und in den eigenen Reihen mit Bengt Jaeschke gefunden. Bengt ist eigentlich seit vielen Jahren der FOH- Mischer der Band, der nun kurzfristig sich auch noch die tiefen Töne angeeignet hat. Es ist also ziemlich viel anders als noch vor Kurzem, somit bin ich natürlich gespannt auf das was kommt. Die Hamburger legen gleich richtig los und wie bei Dark Rock üblich darf ich mit meinem Fotoapparat auch noch ein bisschen mit den Verhältnissen kämpfen. Ich bekomme dafür aber eine Band präsentiert, denen man im Publikum nichts anmerkt von den voran beschriebenen Wechseln. Im Gegenteil ich bekomme ein hochmotivierte Band die sich auch von der Songauswahl her, nur an den Leckerbissen bedient, auch wenn ich ein Please Break The Silence vermisse. Mein Sohnemann der die Band aktuell sowieso abfeiert, will schon gar nicht mehr aus der ersten Reihe weg und freut sich, dass seine Lieblingssongs I Hate People und Loreley den Weg in die Setliste gefunden haben. Dabei bleibt mir vor allem wieder eines vom Auftritt der Band hängen. Chris Harms ist ein Entertainer vor dem Herrn. Jederzeit hat er das Publikum in diesen tiefen Nachtstunden im Griff, erstickt allenfalls eintretende Müdigkeit im Publikum gleich im Keim und präsentiert uns Verbliebenden eine einmal mehr hervorragende Dark Rock Show. Hier geht es zur Bildergalerie.

Heute klappt es mit dem Frühstück unter freiem Himmel. Auch wenn die Prognosen für heute Sonntag eher auf der regnerischen Seite sein sollen, glaube ich dem Wetterbericht diesen Sommer eigentlich nichts mehr. Ich weiss zwar nicht wie es hier im Drei-Seen-Eck ist, aber zu Hause hat es der Regen immer wieder geschafft einen Umleitung über das Muotathal zu nehmen, auch wenn es dort nur ein paar Tropfen gegeben hat, ich hätte diese auch gerne abgekriegt. Draussen führe ich ein sehr interessantes Gespräch mit Nicolas Keshvary und bin schon ein wenig neidisch ab der Tatsache, dass er die Ramones noch in Originalbesetzung in London fotografiert hat. Zurück auf dem Zimmer, muss erst einmal der Sohnemann geweckt werden, denn heute geht es wieder etwas früher los auf dem Rock The Lakes und meine Freunde von Royal Desolation will ich auf keinen Fall verpassen.

ROYAL DESOLATION – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260816

Sie machen den Auftakt auf der Monster Stage kurz bevor die Sonne den Zenit erreicht (wir haben Sommerzeit, da steht sie erst um 13:00h am Höchsten). Royal Desolation schaffen es, und dies macht für mich die Band so interessant, modernen Metal, Spuren von Death mit Metalcore in ein homogenes Gefüge zu bringen und dabei noch ordentlich 80er Einflüsse einzuweben. Die Band überzeugt auch jüngst in leicht veränderter Besetzung, Gitarrist Sebastian ist vor Kurzem ausgestiegen, auch zu Viert auf der Bühne. Raphael nutzt die komplette Breite aus und in den Bühnenklamotten, die ein wenig an die Mad Max Filme erinnern, ist dies bei der Hitze bestimmt kein einfaches Unterfangen. Aber seine Mitmusiker Yannick (Bass), Taylor (Gitarre) und Gregory (Schlagzeug) wissen zu überzeugen. Ungewöhnlich eigentlich auch der Einstieg in das Set, anstelle eines Intros, beginnt die Band mit einem kurzen Schlagzeugsolo die Show, dass darf man ruhig so beibehalten. Dabei zeigt Gregory gleich einmal, weshalb der mittlerweile zu den Besten seines Faches zählt. Beste Visitenkarte für seine Schlagzeugschule „Just Play The Drums„, die ich hier gleich einmal erwähnen möchte. Die ersten Moshpits bilden sich, während immer mehr vom nahegelegenen Campingplatz den Weg vor die Bühne finden. Sänger Raphael habe ich bereits vor zwei Tagen als eines der ersten bekannten Gesichter auf dem Festival angetroffen, dabei hat er wohl den Wetterbericht gut studiert. Er bringt nämlich zur Abkühlung der ersten Reihen, gleich selbst eine massive Wassersprühflasche mit, die ordentlich Wumms hat. Genausoviel Wumms hat auch der Sound und die Songs haben eh ordentlich Ohrwurm Charakter. In diesem Haifischbecken von Bands, stechen Royal Desolation klar hervor. Eigenständig im Stil, grossartige Refrains die zum Mitsingen animieren und eine Präsenz die einfach gemacht ist für mehr als nur die heutige halbe Stunde, da haben sie erst eine kleine Duftmarke abgesetzt. Was nehme ich mit vom Gig? Royal Desolation schaffen was viele junge Bands nicht wirklich hinkriegen. Sie schütteln alle ihre Einflüsse ab und bauen sich eine Eigenständigkeit auf. Ich hatte nie auch nur annähernd das Gefühl von, ach ja habe auch schon gehört. Dieser Band gehört die Zukunft und ich hoffe dies wird erkannt. Hier geht es zur Bildergalerie.

So nun auch ein wenig kirchliche Geschichte. Die heilige Agnes ist die Schutzpatronin der Jungfrauen, der Verlobten, der Kinder, der Keuschheit sowie der Gärtner und Blumenbinder. So weit so gut. Kinder dürfen beim Rock The Lakes gratis ans Festival, so fern sie unter 14 Jahre alt sind. Aber ich glaube für den Rest wird die heilige Agnes heute vom Dienst suspendiert. Blumen gibt es keine zu binden, der Gärtner ist bei dieser Trockenheit arbeitslos. Wie es um die Keuschheit steht, kann ich nicht sagen, da Jesus heute sein Gewand ebenfalls abgelegt hat, nach dem er zwei Tage mit wallendem weissen Umhang auch über die Crowdsurfer gewacht hat. Aber wieso mache ich diesen kirchlichen Exkurs, bin ich doch selbst überzeugter Atheist. Auf der Bühne steht jetzt nämlich eine Band mit dem Namen Saint Agnes, aha da haben wir es. Ich kenne diese Band noch gar nicht lasse mich jetzt gerne überraschen was da kommt. Richtig abgefahrenes erwarte ich nicht, da der Sonntag am Rock The Lakes eher so der rockigere Teil zum Zuge kommt. Und hey, ich bin echt positiv überrascht von den Briten. Hier kommt eine Mischung aus gefälligem Garage-Rock, Punk mit Alternative Einflüssen aus den Boxen. Sie versuchen gar nicht erst in eine Schublade zu passen, bringen alles mit dem nötigen Dreck. Es herrscht kein übertriebener Drang nach Perfektion und wenn dann schon einmal die Technik nicht richtig will, wie heute beim Gitarristen Jon James Tufnell, zieht man das Programm einfach gnadenlos ohne Rücksicht auf Verluste durch. Hier drückt klar die Punk-Attitüde Londons durch. Ja, die heilige Agnes ist leider nicht auch noch die Schutzpatronin der Gitarrentechnik. Mein Eindruck vom Auftritt; Saint Agnes ist definitiv eine Band die ich in Zukunft auf dem Radar haben werde. Diese unverblümte Rohheit gefällt mir. Abschliessend noch, die Schutzpatronin der Musiker wäre die heilige Cäcilia, die hatte während des Auftrittes frei. Hier geht es zur Bildergalerie.

Vor acht Jahren hat sich in Berlin die Band Future Palace gegründet und in dieser kurzen Zeit bereits mit vier Studioalben von sich reden gemacht. Dabei auch pausenlos Singles vorab veröffentlicht. Sie wissen also wie man im Gespräch bleibt und konnten sich innerhalb der Szene mit ihrem Post-Hardcore schon hervorragend behaupten. Schlagzeuger Johannes thront auf der rechten Seite hoch auf einem Podest und hat heute einen hervorragenden Ausblick auf das Geschehen jenseits des Absperrgitters. Gitarrist Manuel bleibt schön auf seiner linken Seite, während Sängerin Maria der Rest der Bühne gehört. Bereits beim zweien Song erzählt sie, dass der heutige Tag ein „shitty day“ war und sie dabei auf die Energie des Publikums zählen möchte um den Tag quasi abhaken zu können. Future Palace, insbesondere Maria, die die Texte schreibt, befassen mit sehr persönlichen Texten und wie ich kürzlich in einem Interview gelesen habe, ist gerade auch das neue Album Resurgence mit eines der bisher persönlichsten überhaupt. Dies spiegelt sich auch im Auftritt der Deutschen wider. Zwischen den Songs nutzt sie die Zeit immer wieder für Ansagen und klare Statements gerade auch rund um die mentale Gesundheit. Was nehme ich mit vom Auftritt? Bis auf einige Ansagen, ist mir leider nicht viel hängen geblieben. Zudem finde ich es einfach richtig schade, wenn nicht einmal ein Bassist auf der Bühne steht, dabei auch noch Gesangslinien eingespielt werden. Hier geht es zur Bildergalerie.

Es ist wieder Zeit die musikalische Reise nach Schweden auszurichten. Thundermother donnern über Cudrefin her. Apropos Donner, bis jetzt ist vom angekündigten Regen noch gar nichts zu spüren und auch das Wetterradar spielt verrückt und zeigt fast

THUNDERMOTHER – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260816

schon minütlich etwas anderes an. Also es bleibt, trocken, staubig dafür rockig. Und im Gegensatz zu gerade eben kommen bei Thundermother werden die Töne noch von Musikern live erzeugt und kommt herzlich wenig vom Band. Nichts gegen Einspieler wenn dann aber ein Grossteil vom Notebook kommt, habe ich halt meine Mühe, erst recht wenn die anscheinend von Aussterben bedrohte Rasse Bassistosaurus fehlt. Aber da brauch ich mir bei den Mädels um Filippa Nässil ja zum Glück eine Sorgen zu machen. Hier muss man sich nur alle paar Jahre neue Gesichter in der Band merken. In der jetzigen Besetzung ist man jetzt aber auch schon wieder drei Jahre unterwegs. Trotz der Tatsache, dass es kaum eine aktivere Band gibt, habe ich es in dieser Phase bisher nicht geschafft, die Band live zu sehen. Wird heute also nachgeholt. Es wird auch kein langer Firlefanz betrieben, die Band stürmt auf die Bühne und sorgt gleich für Vollgas. Angetrieben von Linnéa Vikström, der Tochter des Therion Sängers. Er hat seine Gene aber richtig gut weitergegeben. Es werden alle Register der Unterhaltungskunst gezogen auf dem letzten Konzert ihrer Festivaltour, bevor es wieder nach Hause nach Schweden geht. Authentisch und mitten in die Fresse so würde ich den Hard Rock mit Party-Faktor betiteln. Eingängie Refrains, fette Gitarren und ein Groove der ohne Umwege die Füsse zum Wippen bringt. Da die Bühne für Filippa eh schon immer zu klein war, bleibt der Ausflug ins Publikum natürlich dem Rock The Lakes auch nicht vorenthalten. Was bleibt hängen? Eine gute Rockshow braucht weder Samples noch ein aufwändiges Bühnenbild. Schlagzeug, Bass, Gitarre und Stimme reichen aus um die Menge zum Kochen zu bringen. Keine Reizüberflutung sondern einfach nur guten Hard’n’Roll. Hier geht es zur Bildergalerie.

Doch die kleine Rock-’n’-Roll-Pause ist schlagartig vorbei. Auf der Monster Stage übernehmen jetzt die polnischen Tech-Death-Legenden von Decapitated das Kommando und walzen alles nieder: Was die Jungs hier abliefern, ist musikalische Brutalität mit chirurgisch-mechanischer Präzision. Sie zimmern eine Soundwand auf die Wiese, die an kolossaler Wucht kaum zu übertreffen ist. Davon konnte ich mich vor knapp zwei Monaten schon in der Halle 622 überzeugen. Da traten sie das Vorprogramm von Megadeth an und haben mich dort schon überzeugt. Das extrem exakte Drumming und die absolute Virtuosität von Gitarrist Vogg machen den Auftritt zu einer Lehrstunde in Sachen roher Gewalteinwirkung, genau das Richtige für alle Liebhaber extremer Töne. Bei ihm sieht diese halsbrecherische Geschwindigkeit so lächerlich simpel aus, während es in Wahrheit im Höllentempo zur Sache geht. Sobald die Polen loslegen, schnellt das Härtelevel sofort um gefühlte zehn Stufen nach oben. Seit Ende der 90er gehören Decapitated längst zur absoluten Oberliga des europäischen Technical Death Metal, haben aber im Laufe der Jahre eine gewaltige Dosis Groove mit einfliessen lassen. Vogg bleibt dabei das unangefochtene Herzstück der Band. Sein messerscharfes Riffing prägt den Sound seit jeher, während Sänger Rafał Piotrowski mit seinen Vocals für das gewohnt massive Fundament sorgt. Der Kontrast zu Thundermother könnte kaum krasser sein. Die Riffs werden extrem verschachtelt, die Drums ballern wie ein Maschinengewehr und die ständigen Taktwechsel fordern körperlich alles ab. Was bleibt mir hängen? Ja, Handwerk haben Thundermother vorhin schon gezeigt, würde ich dies aber in die Handwerker-Berufswelt übertragen. Dann sind mit den Polen nun die Prüfungsexperten am Werk, die allen Bands zuvor die Prüfung abgenommen haben. Wer hier auf ein gemütliches Kaffeekränzchen erwartet hat, hätte unten im Dorf bleiben sollen. Hier geht es zur Bildergalerie.

Infolge einer kurzfristigen Programmänderung, die man eigentlich nur mitbekommt, wenn man die offizielle Festival-App installiert hat, die übrigens auch richtig gut ist und eben auch aktualisiert wird, übernehmen Igorrr auf der Iceberg Stage den Slot von Stick To Your Guns, die nun erst später ans Werk gehen. Und was dann folgt, sprengt schlichtweg jeden Rahmen der Vorstellung. Nach dem chirurgisch präzisen Death Metal von Decapitated zerfetzt das Projekt des Franzosen Gautier Serre augenblicklich alle gewohnten Genre-Kategorien. Ich habe ja schon viel von diesem Musikvisionär gelesen, aber mich noch nie mit seinen Werken befasst. Wie ich Igorrr jemandem beschreiben soll, der sie noch nie gehört hat? Keine Ahnung, gibt es für das überhaupt eine Schublade, es ist ein Schmelztiegel aller Stilrichtungen, die auch nur irgendwie was mit Rock zu tun haben, all das gleichzeitig und stellenweise innerhalb eines einzigen Songs. Gautier Serre nimmt Stile, die eigentlich nicht die geringste Daseinsberechtigung haben, im selben Raum zu existieren, zwingt sie zusammen, und gegen jede Vernunft funktioniert dieses absurde Experiment perfekt. Irgendwie kommt es mir vor, als hätte ich es hier mit dem Charles Darwin der Musik zu tun. Die Songs wechseln ohne jede Vorwarnung von feinstem Barock zu rasendem Black Metal, elektronische Passagen folgen auf brutale Blastbeats, und extreme Vocals treffen auf lyrische Sopran-Arien, wobei die Sängerin den perfekten Gegenpol zu Gautiers tiefen Growls bildet. Diese Stimmungswechsel überrollen mich so schnell, dass mein Gehirn kaum hinterherkommt. Auch optisch stimmt das Gesamtbild, denn während das Bühnenbild schlicht bleibt, setzen die beiden Sänger mit ihren tiefschwarzen Kontaktlinsen und passender Bodypaint starke visuelle Akzente. Es ist ein exzessiver, verwirrender und unvergleichliches schwarzes Loch von extremer Komplexität, welches schlichtweg alle Sinne hineinsaugt die bei drei nicht vom Gelände sind. Was bleibt mir dabei hängen? Ich interessiere mich ja null und nichts für Horrorskope (der Verschreiber ist absichtlich), aber aus meiner Jugend blieb mir zu meinem Sternzeichen ein Spruch; grosszügiger Idealist mir hochfliegenden Ideen. Nur ist Gautier Serre in einem andern Sternzeichen geboren. Aber was dieser Mann an Ideen und Kreativität in die Musik legt sucht Seinesgleichen. Ist nicht gerade die leichte Kost um es mal nebenher zu hören, aber wer sich auf Igorrr einlässt macht ein neues Kapitel der Musik auf. Hier geht es zur Bildergalerie.

Gleich nach den letzten Worten verwandelt sich der Nachmittag mit den US-Amerikanern von Stick To Your Guns in eine schiere Machtdemonstration. Die Urgesteine des modernen Hardcore liefern ein Set von kompromissloser Brutalität ab. Zwischen Botschaften des Zusammenhalts und scharfer gesellschaftlicher Kritik entfacht die Band aus Orange County, Kalifornien, rund um Frontmann Jesse Barnett die bisher größten Moshpits, Circle Pits und Crowd-Bewegungen des gesamten Tages. Da war alles zuvor ein Kindergeburtstag. Zu

IMMINENCE – Rock The Lakes – Cudrefin – 20260816

gegeben Bands wie Thundermother oder Saint Agnes sind auch nicht unbedingt für solche musikalisch sportliche Aktionen geeignet. Seit über zwanzig Jahren bewegen sie sich stilvoll im Corebereich, und verzichten dabei auf jeglichen Schnickschnack. Sie stehen in Strassenklamotten auf der Bühne und kommen völlig ohne künstliche Show-Effekte aus. Selbst ihr kleines Banner im Hintergrund ist halb von der mächtigen, verhüllten Bühnenkonstruktion von Powerwolf verdeckt. Dies hatten übrigens alle Bands auf der Monster gemeinsam, dadurch hatten sie weniger Tiefe in der Bühne, was aber den Drang nach vorne an die Bühne ankurbelte.  Nach den experimentellen Klängen von Igorrr reissen Stick To Your Guns die Fenster im Oberstübchen wieder gewaltig auf und durchlüften die Hörgänge. Interessant finde ich ja die Einflüsse der Band, die von Nickelback!!! über Green Day bis hin zu Metallica reichen, so zumindest meint es Wikipedia. Was bleibt? Sänger Jesse gewinnt mit grossem Abstand den Preis für den geilsten T-Shirt Aufdruck. Wer „The problem of the missing bread will not be solved in the kitchen“ auf der Brust trägt, hat genau das Problem verstanden, mit welchem ich tagtäglich in meinen Job als Qualitätsmanager zu tun habe. Danke dafür. Hier geht es zur Bildergalerie.

Zwischen den Konzerten betritt schließlich Festivalgründer Daniel Botteron die Iceberg Bühne, zieht eine enthusiastische Bilanz dieser Ausgabe mit ihren 18.000 Besuchern und enthüllt exklusiv die ersten sechs Bands für die nächste Ausgabe vom 20. bis 22. August 2027 in Cudrefin: Wir dürfen uns auf Halestorm, HammerFall, Prong, Shadow Of Intent, The Browning und als absolutes Highlight auf die Rückkehr von Children of Bodom freuen, ein extrem solides erstes Paket, wie ich finde und meine Vorfreude schon ziemlich gesteigert hat, auch wenn ich von den drei Headlinern unter Kollegen zwei richtig erraten konnte.

So nun bleibt mir noch eine Band und dann ist Feierabend. Was schon, denkt der Leser, der es bis hierher ausgehalten hat. Auch dafür Danke!! Ja, es ist die letzte Band, Powerwolf schränkt in letzte Zeit die Zahl der Fotografen im Fotograben stark ein, was ihr gutes Recht ist. Als Online Magazin jedoch nehme ich mir dann das Recht raus, ohne Bilder auch kein Text. Wer tausende Handy-Bilder und Videos toleriert, aber dadurch einer Berichterstattung entgeht, bitte sehr. So läuft es im Zeitalter der Influencer, ach sorry, sie wollen ja jetzt Content Creator genannt werden. Aber nun zurück zu meiner letzten Band des Berichtes, Imminence. Ich staune nicht schlecht, wie sich diese Band in der letzten Zeit gemausert hat,. Vor kurzem noch im frühen Nachmittagsprogramm auf der kleinen Bühne des Greenfields sind sie heute der „Closing Act“ auf der Iceberg Stage. Die Schweden werden aber heiss erwartet. Ist es doch eher ungewöhnlich, dass der Sänger auch noch mit der Geige an der Schulter seine Vokale und Konsonanten ins Mikro schreit. Eddie Berg ist aber genau der Mann für diese Aufgabe und verleiht dem brutal schweren Metalcore von Imminence einen Hauch von nordischer Melancholie. Absolut beeindruckend auch die Gitarrenkünste seines Sidekicks Harald „Witchking“ Barrett. Dass sich seine Haare nicht in seinem Saiteninstrument verfangen gleicht einem kleinen Wunder und würde wohl einem „Bad Hair Day“ eine neue Dimension verleihen. Dies alles wirkt fast schon wie ein Soundtrack zu einem Kino Blockbuster der in einem Moment geschickt gegen die Stille ankämpft um dann mit Dramaturgie aufzutrumpfen, bevor eine musikalische Explosion ausbricht. Was mir jedoch von diesem Auftritt bleibt ist gerade diese Dramaturgie. Nicht jedes Duell kann so spannend dargestellt werden, wie es Sergio Leone in Spiel mir das Lied vom Tod, geschafft hat. Deshalb langweilt mich der Aufritt von Imminence mit zunehmender Dauer auch immer mehr. Hier geht es zur Bildergalerie.

Nach diesem Auftritt heisst es dann auch schon wieder Abschied nehmen von Cudrefin, vom Rock The Lakes. Es war einmal mehr grandios. Die Stimmung durchweg gut. Mein Sohn wirft sich für Powerwolf nochmals mitten ins Getümmel, während ich mich noch in ein paar letzte Gespräche und Schnupfs verwickeln lasse. Dabei find ich es richtig cool, dass als eine der letzten Personen die ich noch sprechen konnte, Raphael von Royal Desolation mit seiner Freundin, ist. Er war einer der ersten die ich dieses Wochenende angetroffen habe und nun auch eine der letzten, so hat sich der Kreis geschlossen. Mit den letzten Akkorden des Headliners schliesse ich oben auf dem Parkplatz die Autotür und nehme die Heimreise unter die Räder.

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