Die Schulferien gehen so langsam zu Ende und auch wenn es erst das vierte Mal ist, ist das Wochenende irgendwie traditionell schon für das Rock The Lakes eingeplant. Die Unterkunft wird jeweils gleich wieder gebucht, so dass ich mit auch in diese Hinsicht keine Sorgen mehr machen muss. Nachdem mein Sohn im letzten Jahr aufgrund Krankheit kapitulieren musste, wie schon im Jahr zuvor und bei der ersten Ausgabe nach einem Tag ebenfalls krank wurde, ist er in diesem Jahr fit und verstärkt mich und notiert dabei fleissig Stichworte. So muss ich mein alterndes Hirn nicht überstrapazieren. Ich nehme mir zwar immer wieder vor, selbst ein paar Notizen zu machen. Der Vorsatz konnte ich bisher jedoch noch nie länger als ein paar Stunden halten und musste mich so immer auf meine Erinnerungsvermögen verlassen. Also habe ich in diesem Jahr schon fast etwas Luxus. Die Anreise verläuft relativ harmlos und auch der Bezug des Tiny Hauses geht reibungslos über die Bühne. Als schon einmal ab aufs Gelände, da die Parkplatz Zufahrt auch im letzten Jahr bereits für Spätankömmlinge zur Geduldsprobe wurde. Aber auch da geht es locker von der Hand, etwa später am Tag sehe ich dann doch schon einen ordentlichen Stau. Richtig günstig ist der Parkplatz, dies muss erwähnt werden, für schlappe Fünf Stutz kriegt man einen kleinen Kleber und darf damit alle drei Tage auf der Wiese parkieren. Bei anderen Festivals nimmt man hier Papierscheine, und zwar je nach Stückelung nicht wenige zur Hand.

Als schnell die Pressepässe abholen und dann auf die Suche nach dem Medienzelt gehen. Früh wie wir sind, sind wir natürlich die ersten Pressefutzis die auf dem Gelände sind. Nicht wenig später kommen dann die ersten bekannten Gesichter und die Nase wird schon einmal in den Schnupftabak gedrückt, so muss es sein. Die Wetterprognosen versprechen für die drei Tage auch mehrheitlich schönes, heisses Wetter. Gut zu wissen, hat das Rock The Lakes wieder vorbildlich Wasserstationen installiert, wo Trinkwasser bezogen werden kann, zwar gut versteckt aber es hat Wasser. Auch haben sie bereits im Vorfeld angekündigt in den Spielpausen, analog vor zwei Jahren, als es auch so weiss war, die Feuerwehr damit zu beauftragen, für die willkommene Abkühlung zu sorgen. Alles in allem steht somit einem tollen Festival nichts mehr im Wege.

Auf der Bühne stehen auch schon mit Soulline die ersten Hauptakteuer bereit. Pünktlich um 13:00 geht es los mit der ersten von insgesamt 37 Bands aus allen Herren Länder. Soulline reisen einmal quer durch die Schweiz aus dem Tessin an und bringen uns ihren sehr gefälligen Melodic Death Metal mit. Aber nicht nur dies, es scheint als hätten sie auch gleich das halbe Tessin mitgenommen. Die ersten Reihen sind gut gefüllt und eine aufblasbare Ananas macht auch ihre Runde, ich gehe davon aus, dass dies ein interner Running Gag sein muss. Weshalb sonst kommt man auf eine Ananas. Diese begegnet uns noch den ganzen Tag hinüber und schafft es ein paar Stunden später auch an die Autogrammstunde. Zuvor darf sie aber auch schon den ersten Circle Pit des Tages mitmachen und steht wacker im Zentrum des Kreises, wie die Zirkelspitze bei einer Geometrieaufgabe. Dies sorgt natürlich schon zu Beginn für mächtig Stimmung und die halbe Stunde Spielzeit vergeht wie im Fluge.

Bühnenwechsel, denn wie vor einem Jahr an gleicher Stelle, beginnt gerade einmal fünf Minuten nach dem letzten Akkord bereits auf der grossen Twin-Stage die nächste Band. So kommt es, dass auf der einen Bühne noch Schlagzeugstöcke, Plektren und Setlisten ins Publikum geworfen werden, bereits das Intro der nächsten Band über die Beschallungsanlage läuft. Die zweite Band des Tages hört auf den Namen The Narrator und wurde 2017 im Ruhrgebiet aus der Taufe gehoben. Es wird ein Brikett an Härte zugeschoben und der Metalcore der Deutschen. Was ich an dieser Stilrichtung ist der abwechselnde Gesang und die oft im Refrain verwendete melodische Singstimme. Bei reinen Metalheads stösst dieses Subgenre nicht immer auf Gegenliebe und es gibt da wilde Diskussionen, ist es Metal oder eben nicht. Für mich ist der Fall ganz klar, es ist Metal. Aber ich mag dieses Schubladendenken eh nicht. Erlebte es in meiner Teeniezeit schon so, als es hies Die Ärzte oder Toten Hosen, beides ging nicht, bei mir schon. The Narrator haben genau diese Zutaten die mir gefallen und deshalb kann ich klar sagen, zwei Bands haben bisher gespielt, zwei Bands haben mich bisher überzeugt.

Wir bleiben in Deutschland und es wird nochmals ein Härtegrad zugelegt. Mental Cruelty aus Karlsruhe feiern in diesem Jahr ihr zehnjähriges Bestehen und können seit zwei Jahren auf die Dienste von Lukas Nikolai am Mikrofon zurückgreifen, nachdem sein Vorgänger sich nach unschönen Vorwürfen zu verabschieden hatte. Der Deathcore kommt beim Publikum richtig gut an, ich und auch mein Sohnemann können hier und jetzt aber relativ wenig abgewinnen. Was aber definitiv nicht zu heissen hat. Die Riffs sind messerscharf und auf den Punkt präzise aber halt eben nicht meine Präferenz von Musik. Genau dies ist das schöne an Festivals, diese Stilvielfalt und der Möglichkeit etwas neues zu entdecken. Mental Cruelty, die bereits auch Konzerte in Nordamerika spielten, ernten auf jeden Fall schon viel Applaus unter der brütenden Hitze.

Hitze hat Portugal jeden Sommer genug zu bieten und lockt damit ihre Touristen an. Die mystischen Black Metal Vertreter Gaerea kommen aus Porto und sind sich die Hitze ziemlich sicher gewohnt und fühlen sich hier bei knapp 35°C sicherlich heimisch. Komplett in schwarz mit verschnörkelten Symbolen verzierte Gesichtsmasken tut man sich nicht einfach so an bei diesen Temperaturen, gehören bei Gaerea aber zum Programm. Mit ihrem letztes Album «Coma» konnten sie sogar in der Schweizer Hitparade platzieren und präsentierten zum ersten Mal auch Klargesang. Dies bringt dem Sound der mit viel Abwechslung daher kommt eine weitere Note hinzu. Ich kann es nicht abstreiten, es hat wirklich immer wieder etwas spezielles, fesselndes,  an sich, wenn die Protagonisten sich maskieren. Abseits der Bühne geben sie auch Autogramme und beim vorbeilaufen an der, für die Sessions aufgestellte Hütte, erscheinen sie mir auch sehr sympathisch. Verständlich, dass da steht, dass man keine Fotos machen darf, da sie sich hier unmaskiert zeigen, bei solch einem Konzept auch nicht selbstverständlich.

Die Europareise geht weiter nach Belgien und zur Band Nasty. Sie werden ihrem Namen mehr als gerecht. Typisch für Hardcore ist die Musik geprägt von Breakdowns die ein wahres Groovegewitter auslösen. Kann sein, dass gerade jetzt entgegen allen Prognosen, doch tatsächlich ein paar Regentropfen aus heiterem Himmel runterfallen. Ich kann dem Geschehen auf der Bühne und der ausgestrahlten Fuck-You-Einstellung weder folgen noch richtig viel mit anfangen. Es bleibt mir auch einfach nichts hängen.

Nach all der Härte des bisherigen Line-Ups geht es mit Nanowar Of Steel schon fast gemütlich auf eine Kuschelrockparty. Die italienischen Blödel-Metal-Helden lassen beim Intro schon einmal das Arsch sprechen. Richtig gelesen, das Mikrofon unter das Tütü gerichtet lassen sie die Arschbacken sprechen. Wer die Band ein wenig verfolgt, weiss, dass sie eigentlich alles vertonen, was keine andere Band auch nur ansatzweise wagt zu besingen. So geht es bereits beim zweiten Song um die bittere Niederlage im WM-Final gegen Brasilien 1994 in Pasadena. Dabei eignet sich die Band auch oft den Stil einer anderen Band an. Fussball ist Krieg und so ist klar, dass es hier Sabaton herhalten muss. Es kann aber auch vorkommen dass, zumindest visuell im Video, eine Black Metal Band zum «Norwegian Reggaeton» tanzt. Hier aber tanzt nun ganz Cudrefin. Manchmal wird es aber auch des guten zuviel wie bei «Disco Metal». Einfallsreich ist es auf alle Fälle, wenn man statt zur Wall Of Death, zur Wall Of Love aufruft. Die Menge wie üblich teilt und zum Umarmen aufeinander zurennen lässt. Wer dann aber an den «Armpits of Immortals» schnuppert ist dann schon eher von der ganz harten Sorte. Alles in allem ein sehr unterhaltsamer Auftritt dieser wirklich begnadeten Musiker, die auch zeigen, dass sie durchaus im Stande sind ein Ikea-Möbelstück zusammenzustecken.

Vom südlichen Italien in den Norden nach Schweden. Thrown waren bereits im letzten Jahr zu Gast hier am Rock The Lakes. Ein Jahr später kann ich jedoch immer noch nicht so viel mit der vor fünf Jahren gegründeten Hardcore Band anfangen. Was nicht weiter schlimm ist, denn zu dieser Zeit darf man auch einmal etwas essen gehen. Die Qual der Wahl ist bei dem grossen Angebot im Food Village auch nicht ohne. Es gibt hier wirklich eine sehr grosse Auswahl zur Verpflegung. Das Food Village ist neu angelegt worden und hat wirklich einen kleinen Dorfcharakter. Erinnert mich ein wenig an die grossartigen Strassenküchen in Singapur. Dieses Konzept darf sehr gerne beibehalten werden.

Frisch verpflegt geht es mit den Franko-Kanadiern von Kataklysm weiter. Wer mich kennt, weiss, ich finde eigentlich fast alles gut was aus Kanada kommt. Wenn dann noch Death Metal mit Melodie angesagt ist, erst recht. Kaum eine andere Band versteht es Aggressivität so mit Melodie zu kombinieren, wie es der Vierer schafft. So ernst wie die Musik und die Texte des sehr variablen Sängers Maurizio auch sind, merkt man ihnen den Spass auf der Bühne an. Gerade Gitarrist JF ist immer wiedermal am Grimassen schneiden und für ein Lächeln gut. Die Erfahrung aus mehr als 30 Jahren kann man der Band auch nicht abstreiten. Die letzten sieben Studioalben schafften es allesamt in die Schweizer Hitparade, was sich auch beim Zuschauerauflauf merkbar macht. Sehr starker Auftritt.

Mit Badelatschen und Nasenpflaster stürmen August Burns Red die Bühne und können mit ihrere Bühnenpräsenz punkten. Die amerikanischen Metalcore Legenden beweisen einmal mehr, weshalb sie nach jahrelanger harter Arbeit voller Tourneen und zehn Studioalben in 20 Jahren zu den beliebtesten Bands in dieser Szene zählen. Ein geschickter Schachzug ist auch, dass man mit dem System Of A Down Song «Chop Suey!» das Rock The Lakes gleich einmal warm laufen lässt, bevor sie dann mit ihren eigenen Kompositionen beginnen den Sonnenuntergang im August rot brennen zu lassen (dieses Wortspiel musste jetzt einfach sein).

Die Zwerge sind los und erobern mit ihren Spitzhaken Cudrefin. Wind Rose haben sich durch die Alpen gegraben um von Italien hier in die Schweiz zu kommen. Sie sind aber echt nicht zu beneiden vor allem nicht Sänger Francesco in seiner Zwergenrüstung. Bei dieser Gluthitze wären die Zwerge wohl besser in ihren Minen aufgehoben, da ist es bestimmt kühler. Wind Rose sind ein Phänomen, innerhalb weniger Jahren haben sie es geschafft überall auf die grossen Bühnen zu kommen und Auslöser war der Minecraft Song «Diggy Diggy Hole», der zu einem echten viralen Hit wurde. Aufwändig produzierte Videos tun ihr übriges dazu, dabei sind sie aber auch eine richtig gut Liveband und wahrhaftig geile Mitgröhlnummern können sie auch noch schreiben. Es ist echt der was los im Infield wenn Songs wie «Mine Mine Mine!» oder das innert kurzer Zeit zum Klassiker gewordene «Rock and Stone». Das war ein Power Metal Auftritt wie er absoluviert werden muss. Ach ja, Zwerg Cristiano feiert am heutigen Tag auch noch Geburtstag was natürlich auf der Bühne auch noch speziell begossen werden muss.

Die Axt wird zur nächsten Band. Als Hatebreed die Bühne betritt erreicht die Energie im Publikum seinen Höhepunkt. Frontmann Jamey Jasta setzt seine kraftvolle Stimme ein und begeistert das Publikum mit seiner Präsenz. Zum Circle Pit muss nicht aufgerufen werden, der formiert sich automatisch und wenn nicht Staub aufgewirbelt wird dann wird über die Köpfe hinweg gesurft und die Security hat ordentlich was zu tun um alle in Empfang zu nehmen und wieder aus dem Graben zu befördern. Die Amerikaner machen schnell klar weshalb sie in über dreissig Jahren immer noch zu den ganz Grossen zählen. Die Band ist einfach eine Naturgewalt, vom ersten Akkord an, direkt, ehrlich und voll in die Fresse.

Es ist Zeit für den anderen grossen Headliner Heilung. Die Bühnendeko ist gewaltig, ich habe gehört man hat im ortsnahen Wald sogar noch nach Zweigen und Ästen gesucht, heute Nachmittag. Auf alle Fälle steht der Wald jetzt auf der Bühne. Es schaut mehr aus wie in einem Druidenzirkel und so kommt es mir auch vor als es losgeht. Zuerst einmal wird die Bühne ausgeräuchert und mit Ästen zeremoniell gereinigt. Ich schau meine Fotografenkollegen fragend an, zählt das schon zum ersten Song? Keine Ahnung, es geht auf alle Fälle ein ganze Weile so weiter und es kommen da ziemlich viele Personen auf der Bühne um erst einmal einen Kreis zu bilden. Als es dann richtig losgeht werden die Pauken in hypnotischem Takt geschlagen und wild getanzt. Es kommen Wortfetzen über die Lippen unter den Masken hervor. Alles wirkt einfach noch viel mystischer. Ganz Herrscharen an Kriegern, bewaffnet mit Speeren und Schildern betreten die Bühne und stimmen in einen geheimnisvollen Chor ein. Ich staune echt nicht schlecht, wieviele Metalheads, die zuvor noch zu Metalcore und Powermetal ihre Mähne schüttelten sich in Trance begeben. Es fasziniert mich zwar ohne Zweifel, aber wirklich abholen oder begeistern tut mich dieser Schamanismus nicht. Also ziehe ich mich zurück ins Medienzelt.

Das komplette Kontrastprogramm steht jetzt noch zum Schluss auf dem musikalischen Speiseplan. Es ist ein paar Jahre her, seit ich die Waliser von Skindred am Greenfield zuletzt gesehen hatte. Damals waren sie der Eröffner und heizten das Publikum für die nachfolgenden Bands an. Das Intro zu Thunderstruck erschallt bevor auch noch Darth Vader seinen Senf dazu gibt und alle Musiker auf die Bühne kommen. Benji Webbe gibt wieder den extravaganten Frontmann, der die Party nun nach einen langen Festivaltag nochmal anstachelt.

Auch wenn ich etwas später als normal ins Bett gekommen bin, werde ich schon zeitig wach und lasse mich von der Sonne küssen. Das heisst, raus aus dem Tiny Haus ab in den Garten. Meine Unterkunft habe ich vor zwei Jahren hier gefunden und buche sie auch jeweils gleich wieder für das nächste Jahr. Denn sie ist perfekt und meine Gastgeber sind solch herzliche Menschen, da geht man am morgen nach der Dusche sehr gerne raus, bekommt auf Wunsch das erste Kaffee und verliert die Zeit mit angeregten Diskussionen über das Festival, Musik und überhaupt alles, was in der Welt so geschieht. Irgendwann dann der Blick auf die Uhr und wieder los zum Gelände oberhalb Cudrefin. Der Tag selbst verspricht wieder ziemlich heiss zu werden, auch wenn zwischendurch auch mal ein kleiner Regenguss kommen soll. Aber wir schmeissen uns wieder rein ins Geschehen, stehen heute doch wieder einige Bands auf dem Programm die einen bunten Stilmix mit sich bringen. Erneut ist also wieder Abwechslung angesagt, so dass jeder auf seinen Geschmack kommen sollte.

Der Tag wird von der Schweizer Band Moment Of Madness eröffnet. In deren kurzen Spielzeit wissen sie mit ihrem Metalcore bereits zu begeistern. Der Uhrzeit geschuldet sind jedoch noch nicht ganz so viele Leute vor Ort eingetroffen. Die Traube vor der Bühne wird aber mit jedem Song grösser. Was dem sonst eigentlich immer ziemlich bösen Gesichtsausdruck von Gitarrist Felipe gegen Schluss doch ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Der Auftritt darf als mehr als gelungen bezeichnet werden, auch wenn mir persönlich natürlich wieder der fehlende Bassist auf der Bühne auffällt. Ist dies die, nach dem Keyboarder, nächste Spezies Musiker, die vom Aussterben bedroht ist?

Auf der zweiten Bühne eröffnet ebenfalls eine Schweizer Band den Konzerttag. Allein vom Bühnendekor her bin ich jetzt ziemlich gespannt, ob mich hier eine Ballermann-Band empfängt. Aufblasbare Palmen und das Backdrop sorgen hier schon für etwas Ferienstimmung. Aber weitgefehlt, die Genfer Cardiac sind weit davon weg irgendwelche Schunkellieder zu spielen. Für mich ist es die erste Begegnung mit den Romands. Ist leider bei mir oft so, die Bands aus der französischen Schweiz dringen zu selten bis zu mir vor, dabei gibt es da durchaus einige sehr interessante Bands. Danke dafür dem Rock The Lakes, dass zumindest hier diesbezüglich mein Horizont jeweils erweitert wird. Dabei gibt es die Band bereits seit 25 Jahren und hat Länder wie Kuba, Russland oder Kanada betourt und schon etliche Veröffentlichungen unters Volk gebracht, also Schande über mich. Aus diesem grossen Fundus bediente sich der Fünfer für die nächste knapp halbe Stunde und schaffte es, das Publikum bereits zur ersten Wall of Death und zum Circle Pit.

Das mittlerweile eine kleine Abkühlung in Form von Regen stattfindet ist im Grunde ja gar nicht schlecht und entlastet die Feuerwehrleute, die immer wieder mit dem Wasserschlauch das kühlende Nass ins dankbare Publikum zerstäubt. Nur fühlt sich die Hitze durch das verdunsten des Regens einfach noch ein wenig tüppiger an, was aber immer noch besser ist als Dauerregen. Dabei geht es Schlag auf Schlag und auf der Casino de Neuchâtel Stage geht es besetzungstechnisch nun zum ersten Mal ins Ausland. Dabei beweisen Within Destruction, dass Slowenien nicht nur den zurzeit wohl weltbesten Radfahrer beheimatet, sondern auch richtig gute Musik bietet. Der Schriftzug auf dem Backdrop lässt mich zwar Schlimmes erahnen, entpuppt sich jedoch als halb so wild, da sie Deathcore gekonnt auch mit Melodie vermischen und ich eher dem Melodic Death Metal zuordne. Gerade die Songs aus dem letzten Album Animetal hat mich aufhören lassen und mich dazu bewegt, mir vorzunehmen zu Hause auch hier noch ein Ohr zu riskieren (was ich ihm nachhinein auch getan habe und mich positiv überrascht hat).

Nicht ganz so wild agieren Rivers Of Nihil auf der Bühne wie die vorhin aktiven Slowenen. Ihr technisch ziemlich ausgereifte Death Metal erfordert da einfach viel mehr Disziplin in der Darbietung. Auch deshalb, da der Gesang oft mehrstimmig ausfällt. Dadurch wird das Publikum auch mehr zum Zuhören verdonnert. Mich hingegen kann die Band nur bedingt abholen. Es ist zwar wie geschrieben, technisch einwandfreies Handwerk, mir missfallen jedoch genau die mehrstimmig gesungenen Harmonielinien, die nicht immer die Tonlage treffen. Zudem war ich noch ein Freund vom Saxofon. So nutze ich die Zeit, die mir gerade so noch bleibt, bevor es weitergeht, kurz im Medienzelt mich vor die installierten Ventilatoren zu stellen.

Als nächstes steht mit der Band eine waschechte Thrash-Metal Band auf dem Programm. Auch wenn ich im Hinterkopf habe, dass es Warbringer schon seit einer Ewigkeit, und damit meine ich seit den 80er Jahren, gibt. In Tat und Wahrheit ist die Geburtsstunde jedoch mit 2004 beziffert. Von der Ur-Besetzung ist noch das Stimmorgan John Kevill übriggeblieben, die Wand aber doch eine gewisse Konstanz hat und seit 2016 unverändert unterwegs ist. In dieser Besetzung sind auch die letzten drei Veröffentlichungen eingespielt worden, die letzte datiert auf das Frühjahr 2025. Dabei gibt es anzumerken, dass «Weapons Of Tomorrow» es sogar bis in die Schweizer Hitparade geschafft hat. Die Kalifornier stammen zwar nicht aus der legendären Bay Area, die gerade im Thrash Metal doch einige der ganz Grossen hervorgebracht hat. Ihr Sound jedoch keine Vergleiche zu scheuen hat und dadurch nicht nur bei mir gut ankommt. Vergleiche zu den frühen Metallica kommen hier nicht von Ungefähr. Trotz der Hitze feuern die Musiker eine Salve nach dem anderen ab und wissen mit ihrer Spielfreude zu begeistern.

Was haben Skandinavier, im speziellen die Schweden meist gemeinsam. Nicht nur das Sweden und Switzerland oftmals bei den Nordamerikanern zur Verwirrung sorgt, was prompt Frontmann Robert Ljung sich zunutze macht und vorschlägt uns gemeinsam als Swedenland oder wenn ich es richtig verstanden habe Switzeden auftreten zu lassen. Nein, diese Verwechslungsspiele meine ich nicht. Melodie ist, dass, was ich meine. Egal in welcher Stilrichtung man im Haifischbecken der Musik rumschwimmt, irgendwo ist eine Melodie erkennbar. Das Backdrop von Adept ist schlicht gehalten, nur der Bandnamen in ganz grossen Buchstaben. Da kommt der Hardcore der Jungs aus Trosa dann doch vielschichtiger daher und wie erwähnt auch mit ganz viel Melodie, was mir natürlich gefällt und sofort in mein Beuteschema passt, was bei Hardcore oftmals nicht der Fall ist. Somit bleibe ich noch etwas länger da im Publikum stehen und lasse die Sonne auf meinen Nacken scheinen. Für mich eine Entdeckung am diesjährigen Rock The Lakes.

Mit Kublai Khan TX kommt bereits die nächste Hardcore Band zum Zuge. Wie unschwer dem Namen zu entnehmen ist kommen die Jungs aus den USA, genauer aus Texas. Es ist nicht die Härte, die den Unterschied zu den zuvor aufgetretenen Schweden darstellt, es ist eben genau das Vermissen der Melodie, die für mich die Texaner nicht so zugänglich macht.

Irgendwie habe ich aber das Gefühl, dass der heutige Tag bisher nur ein kleines Warm-up gewesen ist, zudem was nun folgt. Auch wenn ich während des Tages in die Runde blicke, es sind enorm viele Ensiferum T-Shirt zu sichten. Und genau diese finnische Truppe treibt jetzt die Gluthitze in Cudrefin um noch ein paar Celsius nach oben. Sie mischen gekonnt Folk Elemente unter den Melodic Death Metal und haben sichtlich ihren Spass dabei die Security im Graben schuften zu sehen. Denn es folgt ein Crowdsurfer nach dem anderen, der nach vorne gereicht wird. Ensiferum kennt da wirklich keine Gnade und jagt Granaten wie «Fatherland», «Heathen Horde» usw. ins Publikum. Bedient sich damit mit einem Best-Of Programm aus acht Songs gleich sieben Veröffentlichung. Sie lassen wirklich keinen Knaller aus als mit «In My Sword I Trust» ein leider viel zu kurzes Set ihr Ende findet, jedoch nur zufriedene Gesichter zurücklässt. Das ist der bisherige Höhepunkt des Tages, ganz klar.

Es schickt sich aber mit The Halo Effect bereits die nächste Band an, diesen, meinen persönlichen, Titel den Finnen streitig zu machen. The Halo Effect ist sowas wie eine Melodic Death Metal Superband, bestehend aus Dark Tranquillity Sänger Mikael Stanne und einigen ehemaligen In Flames Musikern. In kurzer Zeit haben sie zwei Alben veröffentlicht, die für mich bereits heute schon Klassiker Status besitzen. Die Gründung der Band geht aber bereits um Jahre zurück, wie Mikael erklärt. Ursprünglich war es sogar unklar, ob die Band nur Projektstatus innehaben soll und gar keine Liveauftritte absolvieren möchte. Von dieser Idee ist man zum Glück abgewichen. Zu jeder Sekunde merkt man der Band den unglaublichen Spass an, denn sie auf der Bühne haben. Selbst die Sonne schafft es nicht das Strahlen des Frontmannes zu übertrumpfen. Gibt es einen sympathischeren Sänger als Mikael, ich wag es zu bezweifeln. Da nimmt man ihm auch die plakativen Ansagen, die vermutlich bei jeder Show gemacht werden, gutgläubig ab. Was die The Halo Effect rüberbringen kann, ist die Spielfreude und Dankbarkeit auf der Bühne zu stehen, diese ist im höchsten Masse ansteckend. So dauert es auch nicht lange und die Band hat die Menge bis weit hinter das FOH im Griff und weiss zu begeistern. Hier spielt die Erfahrung der einzelnen Musiker sicherlich eine Rolle, jedoch weiss halt eben auch das Songmaterial zu überzeugen, da gibt es keine Lückenfüller, im Gegenteil. Da wären wir wieder beim bisherigen Highlight des Tages, aber es folgen noch einige Act. Mein Sohn und ich sind uns stand aktuell, aber einig, dass war grosses Melodic Death Metal Kino.

Bereits am Nachmittag konnte ich die beiden Gitarristen Dee und Andrey im Publikum im locker, legeren Sommeroutfit im Publikum ausmachen, wie sie das Treiben auf der Bühne aufsogen. Nun stehen die beiden mit Dirkschneider selbst auf der Bühne. Namensgeber Udo hat zudem seinen Sohn Sven dabei und seinen Sidekick Peter Baltes. Es ist also die gleiche Besetzung wie zwei Jahre zuvor mit U.D.O. auf der anderen Seite des Hügels in Vallamand. Der Unterschied, unter dem Banner Dirkschneider spielt man nur alte Accept Klassiker. Mit dem weiteren Unterschied man ist mehr Accept als Accept selbst. Böse gesagt, steht hier eine Tribute Band auf der Bühne. Natürlich ist dem nicht so, denn sowohl Udo als auch Peter sind Urmitglieder der Legenden des Teutonenmetals. Kurz gesagt Dirkschneider sind für mich die besseren Accept, ganz klar. Ich habe sie im Frühjahr schon im Musiktempel Z7 live erleben dürfen und bin auch da mit einem durch die Ohren begrenztes Grinsen nach Hause gefahren, es war so geil. Auch heute steht, und dies sieht man am Backdrop an, das Jubiläumsalbum «Balls To The Walls» auf dem Programm. Dieses Kultalbum wird in seiner kompletten Länge, Stück für Stück durchgespielt. Mittlerweile 42 Jahre nach seinem Release besitzt es immer noch die Magie von früher und kommt dank den Jungspunden in der Band auch mit einer unglaublichen Frische daher. Man muss sich einmal vor Augen halten, Sven, Dee und Andrey waren zum Release des Albums noch gar nicht auf der Welt. Im Gegensatz zur eigenen Tour reicht die Spielzeit natürlich nicht noch gross Songs rund um das Album ins Set einzubauen, deshalb stelle ich mir schon die Frage, welcher Klassiker aus dem grossen Back-Katalog wird noch rausgehauen. So kommt nach Winter Dreams noch das schweizerische Intro Heidi-Heido-Heida zum Zuge, sprich es wird mit «Fast As A Shark» der wohl erste Speed Metal Song einer deutschen Band überhaupt über das Infield geschmettert.

Nach dieser Geschichtsstunde geht es etwa aktueller zu. Mit einem neuen Album am Start kommen Eluveitie zurück ans Rock The Lakes Festival. Fünf Songs stehen auf der Setliste des im April erschienenen Albums. Im Vorfeld wird auch schon wild spekuliert, wer denn nun alles auf der Bühne stehen wird. Denn in der zuvor stattgefundenen Autogrammstunde, war zum Beispiel Bassist Kai nicht mit dabei und da wurde schon hin und her spekuliert. Hinsichtlich Bass werden meine Bedenken einen weiteren Bassisten ab Band zu hören aber nicht bewahrheitet und es steht tatsächlich Kai auf der Bühne. Genauso wie der bereits ausgestiegene Matteo kurz auf der Bühne zu sehen ist. Drehleier, Dudelsack und Flöte werden von Nils Fischer bedient (danke nochmals für die Info an Kollege Ralf Wyssenbach, der auf meine Anfrage mich sofort mit der nötigen Antwort bediente, als ich gerade auf den Schlauch stand). Eluveitie macht es uns Fotografen im Graben aber auch nicht gerade leicht, die Bühne ist konstant zu genebelt, es gilt also für ein halbwegs brauchbares Foto die Lücke in der Nebeldecke zu finden. Diese trägt aber umso mehr dazu bei, dem Auftritt durchaus etwas mystisches hinzuzufügen. Die neuen Songs fügen sich perfekt in das auch sonst sehr gelungene Set ein, prägen vorwiegend den Mittelteil. Den Stellenwert der Band bemerke ich, als ich mir mal vornehme etwas weiter nach hinten im Infield zu gehen. Etwa war gut, bis weit hinter den FOH-Turm ist es ziemlich gut vollgepackt. Es scheint, dass gerade bei Eluveitie alle die ein Ticket haben sich vor der Bühne versammeln, um dem Spektakel beizuwohnen. Und ja es ist ein Spektakel, neben dem Nebel wird auch mit Pyros nicht gegeizt und man lässt die Dämmerung hell erleuchten. Ich habe das Gefühl die Band heute in der absoluten Tagesbestform zu sehen, was auch die Jubelstürme aus dem Publikum zu bestätigen vermögen. In dieser bestechenden Form verfliegt die Zeit auch wie im Fluge als sich die Band mit dem Abschlussfoto verabschiedet. Das ist ein Gourmet-Vorgeschmack auf die Tour im Herbst mit dem Power-Package Arch Enemy, Amorphis und Eluveitie.

Zeit wieder die Bühne zu wechseln und dem zweiten Headliner Feuerschwanz beizuwohnen. In der vorhergehenden Info an die Fotografen heisst es, wie übrigens vorher schon bei Eluveitie; nach den ersten drei Songs zügig den Graben verlassen, Pyros folgen ab Song vier. Was bei Elu auch so geschehen ist, bedeutet nicht, dass es auch bei den deutschen vom Mittelalter zur Hard Rock Band mutierten Band so sein muss. Mit dem Blick durch den Sucher, realisiere ich erst als es etwas wärmer wird, dass hier schon ab Song Eins das Gas entzündet wird. Schon vor dem Auftritt wird man mittels QR-Codes dazu aufgefordert dem Knightclub beizutreten. Das gleichnamige Album wird diese Woche noch erscheinen, ist aber durch einzelne Auskopplungen wie eben genau der Titelsong schon bekannt, bildet aber noch nicht das Rückgrat der Show. Der Partyfaktor steigt schon zu Beginn ins Unermessliche. Ich staune auch, wie viele Kinder die Band zu begeistern mag, die selbst zur vorgerückten Stunde mit ihren Eltern in der ersten Reihe ziemlich abgehen. Feuerschwanz leistet also definitiv auch Arbeit an der Basis und sichert sich die Fans bereits in jungen Jahren. Kaum aus dem Fotograben wird mit «Bastard von Asgard» ein Song angestimmt, der auch im Vorfeld zu Spekulationen geführt hat. Im Original hilft hier Fabienne Erni von Eluveitie mit. Die Band stand vor knapp zwanzig Minuten noch selbst auf der Bühne, kommt es zum schweizerisch – deutschen Aufeinandertreffen, wie vor zwei Jahren in Vallamand mit Melissa Bonny? Ja es geschieht tatsächlich, statt sich im Backstagebereich über den eigenen erfolgreichen Auftritt zu freuen, steht Fabienne auf der Bühne neben dem Hauptmann und dem Prinzen. Auf einmal fällt mir auf, dass Ben (der Prinz) sich vom Podest runterbewegt und den Auftritt per sofort aufgrund eines medizinischen Notfalls im Publikum für einige Minuten unterbricht. Dass ist der Moment, wo ich der Band meinen allergrössten Respekt zolle. Ich stelle mir das so vor, du bist in deiner Performance, bist fokussiert auf deinen Auftritt. Als Hauptakteur auf der Bühne dann aber auch noch den Überblick über das Publikum zu haben, um zu erkennen, dass da etwas vorgefallen ist, dies verdient nichts anderes als absolute Hochachtung meinerseits. Auch dem Rock The Lakes Publikum muss ich hier ein Kränzchen winden, es wird nicht gemotzt, sondern applaudiert, dass Feuerschwanz die Grösse zeigt, hier einzugreifen und für die Sicherheit der Person sorgt. Sie sind aber auch Profis genug, um nach dem Unterbruch wieder massiv Fahrt aufzunehmen. Ein Partykracher folgt dem anderen, teils auch mit sehr nachdenklichen Texten. Die Songs werden lautstark mitgesungen. Rollo darf zum Herr der Ringe Soundtrack auch noch ein kleines Schlagzeugsolo abliefern. Feuerschwanz versteht es aber in meinen Augen auch gut, die Faktoren Party und Metal zu verbinden, ohne dass ich dauernd den Gedanken habe, hier eine Ballermann Metal Band auf der Bühne zu sehen, wie jüngst am Greenfield ein Headliner abgeliefert hat. So kann der Auftritt trotz des kleinen Zwischenfalls nach Beendigung getrost als Triumphzug durch die Pelennorfelder, äh sorry, die Wiesen von Cudrefin angesehen werden.

Der nächste Auftritt wertete ich bei der Ankündigung als Aprilscherz. Stellt sich aber schnell heraus, dass es sich nicht um einen Gag handelt, sondern mit Absolut Emmental (was für ein Namen), hier tatsächlich jemand die Bühne betritt. Ich bin mir jetzt nicht sicher, ob der Auftritt aufgrund des mit dem vorherigen Zwischenfall gekürzt wird, aber für ein paar Schmunzler sorgt er schon, als der Festivalchef Daniel Botteron mit Skibrille, Perücke und Gitarre bewaffnet die Bühne betritt die schon für Zeal & Ardor hergerichtet ist und etwas AC/DC intoniert, Vielleicht war da mehr gesagt als die Danksagung für das Erscheinen, denn ich habe gehört, dass Daniel angeblich ziemlich geübt hat. Es bleibt neben ein paar Akkorden und einem Gruss gegen den Himmel gerichtet an Ronnie James Dio und den kürzlich verstorbenen Ozzy, während ab Konserve «Mama I’m coming home» das Gelände beschallt.

Nach diesem kleinen Intermezzo wird die Bühne wieder mächtig eingenebelt. Die bei Kritikern hochgelobten Zeal & Ardor betreten die Bühne. Aber nicht nur Kritiker mögen die Band, mit den Jahren hat sich die Basler Band um Manuel Gagneux eine grosse Anhängerschar erspielt. Seit Beginn der Karriere sammeln sich zudem eine Nominierung nach der anderen für fast jede Kategorie im Bereich der Rockmusik, und zwar international, nicht nur hier in der Schweiz. Der Stilmix ist einzigartig, zumindest ich habe bisher noch nie etwas vergleichbares gehört, was so gekonnt Gospel und progressiven Metal, teils mit Black Metal zu vereinen vermag. Leichte Kost ist es zwar definitiv nicht, diesen Anspruch erhebt die Band wohl auch nicht. Man muss ich da schon darauf einlassen, was erstaunlich viele machen. Mit diesem speziellen Soundtrack mache ich mich auf den Weg zum Auto und begebe mich zurück zu meinem Refugium.

Der letzte Tag bricht an und mich wecken die Sonnenstrahlen. Beim ersten Kaffee am Morgen kehren dann auch die Lebensgeister zurück, die zugegeben, wohl noch im Bett liegen geblieben sind. Bei den angeregten Diskussionen mit der Vermieterin der Unterkunft vergesse auch schon fast wieder die Zeit um loszufahren, um mich auf das Festivalgelände zu begeben. Schliesslich will ich auch heute von Anfang an alle Bands live erleben. Am heutigen Tag ist das Programm auch nicht ganz so heavy, es ist quasi Familiensonntag in Cudrefin. Die Medienmitteilung des Festivals ist auch bereits in der Mailbox und lässt verlauten, dass 16’000 Gäste über das ganze Wochenende verteilt auf dem Gelände waren. Dank dem grosszügig angelegten Festivalgelände erscheint es jedoch nie als komplett überfüllt, die Veranstalter schauen auch mit einer Kapazitätsobergrenze darauf. So ist es selbst bei den Headliner immer sehr angenehm über den Platz zu laufen und muss sich nicht durch die Menge drängeln. Ich persönlich begrüsse dies, wohlwissend dass vermutlich locker noch ein paar Tausend mehr auf das Gelände passen würde. Die Atmosphäre ist so jedoch sehr angenehm und entspannt.

Jetzt aber rein ins Konzertgeschehen. Auch heute scheint die Sonne erbarmungslos, gut habe ich vor ein paar Tagen noch für Nachschub in Sachen Sonnenschutzfaktor gesorgt. Voice of Ruin machen heute den Anfang und können bereits eine beachtliche Menge an Zuschauern an der Barriere begrüssen. So darf also auch am dritten Tag eine Schweizer Band den Tag eröffnen. Mir bleibt vom Auftritt zwar nicht so viel hängen, was aber per se nichts Schlechtes zu bedeuten hat, denn ich lasse mich gleich zu Anfang schon in ein paar Gespräche verwickeln und lausche somit nur gerade mit einem Ohr dem Geschehen auf der Bühne.

Die Gespräche müssen dann aber unterbrochen werden, denn mit April Art steht jetzt eine Band auf der Bühne die ich a) noch nie live gesehen habe und b) ich unbedingt sehen möchte, da mir ihre bisherigen Veröffentlichungen sehr gefallen. Ich bin also gespannt, ob die deutsche Band mich auch zu begeistern weiss. Schnell wird klar, dass hier Akteure auf der Bühne stehen, die vor Spielfreude nur so strotzen. Allen voran Sängerin Lisa-Marie, was für ein Energiebündel. Auch ihre Mitmusiker sind ein Traum für die Fotografen, hier wird in die Kamera gelächelt und posiert. Überhaupt ist der gesamte Auftritt ein Paradebeispiel wie man das Publikum in eine Show mit einbezieht. Neben den üblichen Sachen, welche jede Band im Köcher hat, wagt sich Lisa-Marie auch ins Publikum, schnappt sich einen Typen, setzt sich auf die Schultern und geht so singend in den Circle Pit, Mut hat die Dame definitiv. Ich habe in letzte Zeit kaum eine Band gesehen, die so nahbar und greifbar ist. Ich bin echt «geflasht» von diesem Auftritt und bin mir sicher, die Band hat heute einiges an Fans dazugewonnen. Es tauchen in letzter Zeit immer wieder die Diskussionen auf, über die Headliner der Zukunft. Ich bin überzeugt mit April Art einen dieser zukünftigen Headliner gesehen zu haben. Ach ja, Abschlussfoto gibt es zwar nicht, dafür vor dem letzten Song gleich ein Abschlussvideo, auch auf diese Idee muss man erst kommen.

Immer noch mit einem breiten Grinsen begebe ich mich auf die rechte Seite der grossen Doppelbühne. Da steht die schweizerisch/niederländisch/amerikanische Frauenband Burning Witches auf der Bühne. Ich habe die Band irgendwann so vor sechs Jahren zum ersten Mal live gesehen und seither doch einige Male erlebt, warm geworden bin ich mit den Hexen noch nie. Im Gegenteil, ich meine ich mag der Band den Erfolg von Herzen gönnen, wage aber zu bezweifeln, dass er genau so gross ausfallen würde, wären hier Männer am Werk. Auch heute überzeugt mich die Band in keinster Weise, so emotionslos und uninspiriert habe ich schon lange keine Band mehr gesehen, ihr Set runterspulen. Und da hilft bei mir leider auch Aussehen nicht es durch die rosarote Brille zu sehen.

Mal schauen ob das Dominum besser hinkriegen. Bis auf Sänger Felix alias Dr. Death kommen alle Musiker mit Gesichtsmaske auf die Bühne, irgendwie hat es etwas von Lordi light auf sich. Entsprechend denke ich werden die Instrumentalisten bei der Hitze wohl noch etwas mehr schwitzen. Musikalisch rudert man im Haifischbecken des Power Metals rum mit deutlichem Walking Dead Einschlag. Dem Power Metal bin ich ja nicht so sehr abgeneigt, Walking Dead habe ich auch gesehen und auf die Länge hat auch diese Serie ihre Vorhersehbarkeit und zieht sich wie Kaugummi in die Länge. In etwa verhält es sich jetzt ähnlich, der Gesang ist so dünn über die maximal gepushte Instrumentierung, dass ich mich eher an einen Kindergeburtstag erinnert fühle als an ein Power Metal Konzert. Da helfen auch die Melodien, die mich andauernd an die Geisterbahn im Europapark erinnert, nicht weiter. Mit Rock You Like A Hurricane werden auch die Scorpions gehuldigt, die zwar nicht wirklich ins Konzept passen, ausser dass die Originalinterpreten auch schon Rock-Saurier sind. Selbst Killed By Life erinnert mich schon sehr stark an den Song «Timber» von Pitbull feat. Kes$ha. Dem Publikum gefällt es aber ziemlich gut, also alles richtig gemacht.

Auf den Auftritt der jetzt folg bin ich gespannt.  Ich habe Wacken ein wenig am TV mitverfolgt und dabei mir das Konzert von Beyond The Black angesehen. Zu meiner Schande muss ich gestehen, ich habe sie selbst noch nie live gesehen, obwohl die deutsche Band immer wieder in der Schweiz zu Besuch ist, es hat bisher einfach noch nie gepasst. Es geht gleich mit «In The Shadows» los, was für ein Start, haut man doch gleich zum Start uns diesen Knaller von Song vor die Fresse. Grossartig, die Party ist so natürlich gleich schon am Anfang angerichtet und wird auch weitergeführt. Was ich sehr lobenswert finde, ist die Tatsache, dass offiziell in den Reigen der Band rund um Jennifer Haben kein Bassist vorhanden ist. Beyond The Black dabei aber nicht den Tieftöner vom Band laufen zu lassen, sondern tatsächlich einen Live-Bassisten mit dabeihaben. Der Auftritt selbst hat Ausstrahlung und ist sehr sympathisch und kann mich über die komplette Dauer vor der Bühne halten. Nicht zuletzt, dass hier grossartige Künstler am Werk sind, die ihr Handwerk verstehen und Jennifer über eine wirklich makellose Stimme verfügt, welche sich gekonnt mit den harschen Einwürfen von Chris abwechselt. Meine Vorfreude auf den Auftritt ist also mehr als berechtigt gewesen.

Jetzt ist aber Zeit für das Power Trio aus Kanada. Dabei stand der Auftritt von Danko Jones bis zuletzt auf der Kippe. Es ist sogar so knapp, dass die Organisatoren bereits eine Ersatzband aufs Gelände geholt haben. Was ist geschehen? Danko klärt uns auf, dass sie am Morgen noch in der Arktis aufgestanden sind, da sie im hohen Norden Europas gestern noch einen Auftritt absolvierten. Irgendwie klappt dann etwas mit dem Flug nicht. Das Rock The Lakes setzt dann aber alle Hebel in Bewegung die Band irgendwie hierher in die Schweiz zu bringen. Was auch gelingt mit der Einschränkung, dass die Instrumente es aber nicht schaffen herzukommen. Danko Jones bedankt sich sehr bei der Crew dafür, dass sie diesen Auftritt hier absolvieren können und für die geliehenen Instrumente. Dann fegt aber der absolute Rock’n’Roll Sturm über das Gelände. Was die drei Musiker jeweils auf der Bühne aufführen, ist pure Energie, die jeweils aufgestaut wird und dann mit den ersten Akkorden losgetreten wird, und jeden richtig in den Arsch treten. Dieser Kraft kann sich kaum einer entziehen und der Fuss wippt hier automatisch einfach mit.

Bevor nun While She Sleeps auf die Bühne kommen, tritt erst einmal der Chef persönlich vor das Publikum. Er bedankt sich dabei vor allem an den über 500 freiwilligen Helfer, den Bands und dem Publikum. Zudem schuldet er uns noch die in der Pressemitteilung erste Band, welche er für 2026 ankündigt. Ich habe im Vorfeld mit Blick auf das ebenfalls an diesem Wochenende stattfindende Summer Breeze geschielt, den auch dort wurden die ersten Bands bekannt gegeben. Ich habe zumindest mit ein paar Kollegen richtig spekuliert, als ich den Namen In Flames in den Mund nahm. Daniel Botteron bestätigt tatsächlich von der Iceberg Stage herab die schwedische Melodic Death Metal Institution, sehr geil. Aber zurück zum Auftritt der Engländer aus Sheffield. Da erwarte ich auch ein Feuerwerk, wie es jeweils auch ihre aus der gleichen Stadt kommenden Def Leppard abliefern. While She Sleeps sind live eine Macht und lieferten bei all den Auftritten, die ich bisher miterlebt habe, immer mehr als nur 100% ab. Auch gefällt mir deren Songmaterial ausgesprochen gut. Ja, das Feuerwerk wird schon mit Pyros gezündet aber auch auf der Bühne geht es mächtig ab. Sänger Lawrence ist wahrlich eine Rampensau, ich habe ihn schon erlebt, wie er auf den Boxentürmen der Backline rumklettert und dann runterspringt. Diesmal bleibt es aber nicht bei den Boxentürmen, er hat die seitliche Tribüne im Visier, aber nicht die Tribüne selbst, sondern gleich das Dach, welches gut und gerne 5m hoch ist. Noch während des Auftrittes werden über die sozialen Medien Bilder und Video veröffentlicht, wie er von dort oben ins Publikum runterspringt und zum Crowdsurfer wird.

Die Musik von Mastodon, die als nächstes auf der Bühne stehen, ist nicht die typische Crowdsurfer Musik. Dafür ist sie zu schwerfällig, zu progressiv. Sie sind aber sicherlich grosse Verehrer des kürzlich verstorbenen Ozzy. Troy Sanders trägt das «Back To The Beginning» Shirt, beim Schlagzeuger Brann Dailor ziert ebenfalls ein Ozzy-Shirt den Oberkörper, und auf seinem Bassdrum starrt ein Randy Rhoads Resonanzfell uns an. Mastodon sind bereits unzählige Male für einen Grammy nominiert worden, durften ihn auch schon gewinnen. Ihre Anhängerschaft ist rund um den Globus gewaltig. Musikalisch ist der Schmelztiegel von Stilrichtungen keine leichte Kost, erfordert das aufmerksame Zuhören der komplexen oft mit langen Instrumentalteilen ausgestatteten Songs, die oft sperrig daherkommen. So unzugänglich die Songs sind, so erfolgreich ist die Band und werden hier auf der Casino Stage richtig abgefeiert. Zum Schluss folgt noch ein Coversong, von wem wohl? Richtig, mit Supernaut wird ein eher unbekannterer Black Sabbath Song gespielt und schliesst ein grossartiges Set ab.

Jedes Festival findet auch einmal sein Ende und heute Abend entzündet Dimmu Borgir die Schlusslaterne. Aber erste einmal wird die komplette Bühne schwarz eingenebelt. Was also Heilung vor zwei Tagen zeremoniös reinigte, wird nun gleich am Anfang zunichte gemacht. Ich hoffe nur der schwarze Nebel bleibt nicht über die Show hinweg, denn die Kulisse der Bühne ist gewaltig und hat etwas von einem Geisterschloss. Aber der Nebel verzieht sich pünktlich zu den ersten Klängen des Intros und die Gestalten rund um die Gründungsmitglieder Shagrath und Silenoz betreten die Bühne. Was folgt ist ein Meisterstück des orchestralen Black Metals, die einem sofort in den Bann zieht und zeigt, weshalb Dimmu Borgir seit über 30 Jahren ihren festen Ruf in der Szene zementiert haben. Untermalt von einer eindrücklichen Pyroshow wird das Gelände noch einmal aufgewühlt. Es tummeln sich zwar nicht mehr so viele Festivalgänger auf dem Gelände, viele haben den Heimweg bereits angetreten, um an diesem Sonntag noch zeitig nach Hause zu kommen. Der Rest aber erlebt einen mehr als würdigen Headliner, welcher die vierte Ausgabe des Rock The Lakes abschliesst.

ALLE Fotos gibt es in der Galerie unter den entsprechenden Einträgen, in losen Abständen auch immer wieder auf Instagram

Das Datum für die fünfte Ausgabe steht auch bereits, mein Tiny Haus ist wieder reserviert. Alle anderen müssen sich schon einmal den 14.-16. August 2026 fett im Kalender anstreichen. Tickets gibt es bereits im Vorverkauf und mit In Flames ist auch schon ein starker Headliner bestätigt worden