Heute war die viel erwartete Medienkonferenz des Bundesrates zur Lockerung der Massnahmen. Vieles im Bereich der Grossveranstaltungen resp. Festivals ist noch nicht klar. Es wurde zumindest keine definitiven Absagen erteilt, was über den 08.06.2020 hinausgeht. Konzerte die vor dem besagten Datum stattfinden sind jedoch abgesagt. Es besteht also noch einen kleinen Funken Hoffnung für diverse im Juni stattfindende Festivals, obwohl die eher verschwindend klein ist. Aber was bedeutet dies für die Branche. Ich selbst kann da natürlich keinen tiefen Einblick gewähren, ich bin ja nicht Veranstalter, kann mir aber durchaus ein paar Sachen zusammen reimen.

Vorbereitungen für ein solches Festival dauern im Normalfall Monate. Also ist es recht optimistisch für den Juni zu planen. Dem Veranstalter bleibt nur die Frage, lohnt sich der Aufwand um dann im letzten Moment trotzdem die Reissleine zu ziehen. Konzerte benötigen Vorlaufszeiten und wie die aktuelle Lage und ein Blick in den Himmel zeigen auch Reisefreiheiten damit die Hauptakteure überhaupt anreisen können. Eine Tour einer mittleren Band geht noch mit dem Bus, wenn die Grenze offen ist, was zum jetztigen Zeitpunkt aber auch nur bedingt der Fall ist. Aber die Festivals kommen mit internationalen Headliner die im Flieger anreisen. Dann kommen die Versicherungen, die Veranstalter haben eigentlich alle eine Versicherung, hier aber schon der erste Passus der bei einigen schon geltend gemacht wird, bei einer Pandemie wird nicht bezahlt. Super, auch wenn eine Versicherung hier noch kulant sein würde und auf das ganze dank Regierungsverbot auf höhere Gewalt zurückführt, wird dies vielen Bands auch nicht helfen. Dem Veranstalter schon, da er von der Zahlung fremder Kosten bereit wird, also keine Gage zahlen, keine Mieten der Gelände zahlen und es gibt keine Rechtsansprüche an die Vertragspartner. Sie bleiben “nur” auf ihren eigenen Kosten sitzen.

Während grosse Bands eine solche Krise vielleicht finanziell noch wegstecken können, reicht es bei vielen Musiker gerade mal so um über die Runden zu kommen. Auch viele kleine Festivals werden geführt von Musikfans die ein Festival auf die Beine stellen, ganz so nebenbei. Davon haben wir einige hier in der Schweiz, für diese können solche Ausfälle gravierend ausfallen. Bei den grossen Veranstaltern wiederum rührt man auch mit einer anderen Kelle an. CTS Eventim zum Beispiel ist nicht nur Ticketverkäufer, der Ticketcorner gehört in diese Gruppe, er ist auch Veranstalter. In Deutschland werden rund 60% aller Tickets von ihnen verkauft. In der Schweiz liegt der Anteil bei 65%. CTS Eventim gehört Klaus Peter Schulenberg mit einem Vermögen von 2.4 Milliarden USD!! Der andere grosse Player der immer mehr in den europäischen Markt drängt und dem zum Beispiel auch schon das Open Air Frauenfeld gehört ist Live Nation. Ihre Tickets werden über die eigene Firma Ticketmaster verkauft. Die Firma wird von Miachel Rapino geführt, der über ein Jahreseinkommen von 70 Millionen sicher nicht klagen wird. Obwohl er in diesem Jahr auf sein Gehalt komplett verzichten will, aber auch bei seinen Angestellten eine drastische Gehaltskürzung durchsetzen will. Diesen Zahlen gegenüber stehen die Mindestlöhne von Stagehands, Securities, Roadies, Techniker und und und. Ohne diese Idealisten wäre an eine Festivaldurchführung gar nicht zu denken. Unzähligen Musiker und obig genannten Berufsgattungen sind von heute auf morgen dank einem kleinen Käfer die Einnahmequellen komplett ausgefallen.

Viele vertrösten nun auf die nächste Saison 2021, gerade die grossen Player. Die grossen Player können dies natürlich locker machen. Die beiden obig genannten Weltmarktführer verfügen über Rücklagen in Millionenhöhe, wer möchte kann sich gerne einmal den Geschäftsbericht von Live Nation zu Gemüte führen. Die kleinen Clubs können davon nur träumen und haben auch kaum finanzielle Reserven. Veranstalten aber mit viel Herzblut und Leidenschaft Konzerte und Festivals. Dieses ungleiche Kräfteverhältnis wird in dieser Krise aber vermutlich noch verstärkt werden. Wie schon erwähnt Live Nation will in den Markt drängen und kauft sich grosse Marken. Das Open Air St. Gallen wurde anfangs Jahr von wepromote verkauft, an die abc Production und Gadget, die wiederum taten sich zusammen in zur Gadget abc Entertainment Group AG mit Mehrheitsaktionär CTS Eventim. Der Ausverkauf ist also schon längst im Gange und grossen schnappen sich die Resten auf, ihnen kommt so eine Krise langfristig nur entgegen. Ich vergleiche es ein wenig mit den Bierkartellen die vor Jahren alles aufgekauft haben. Da fand irgendwann eine Gegenbewegung statt und es bildeten sich viele kleine Brauereien. Ich hoffe es geschieht auch so in der Veranstalterszene. Die grossen machen sich gegenseitig kaputt und die Szene implodiert. Übrig bleiben dann hoffentlich die kleinen Individualisten und in der Szene, wenn ihnen der Schnauf nicht ausgeht. Denn wenn die kleinen Clubs, und ich nenn jetzt stellvertretend für alle das Z7, das Böröm und Jonnys Lion Cave wegfallen würden, fällt die komplette Musikszene in sich zusammen, da Grosskonzerne nur die Geldbörse hinten rechts interessiert. Dann wäre auch die ganze Musikszene Schweiz auf einen Schlag tot.

Drum ich finde es wichtig, das auch diesen Clubs geholfen wird und zwar auch auf Bundesebene. Die Ausfälle können nicht gut gemacht werden. Ein Club verkauft jetzt nicht auf einen Schlag mehr Getränke und Imbisse. Zudem kommen nun zu all den verschobenen Konzerten und Festivals auch noch die neuen Tourneen dazu. Es wird aber kaum möglich sein an einem Abend zwei Konzerte besuchen zu gehen. Bei dem herrschenden Überangebot an Konzerten die vor der Krise schon vorhanden war, nachher erst recht nicht. Nicht vergessen auch die Zulieferer sind davon betroffen. Ich habe bisher noch keine Zahlen gesehen, aber ich denke der Bierkonsum wird nicht nur wegen stayhome zurückgegangen sein. Der Kulturbereich muss unterstützt werden, eine Lösung wie, habe ich zwar im Moment auch nicht, da sind die Kantone und der Bund gefordert. Schon wieder ein längerer Post geworden aber ich frage mich wirklich; quo vadis Musikszene.