Montag Abend, nach einem bereits schon recht anstrengenden Festival Wochenende, gleich nochmals die volle Dröhnung erhalten. Wer kann sich sowas auch nur antun? Na klar, ich persönlich. Obwohl auch heute der Treiber eigentlich aus der Familie kam, da doch tatsächlich mein Sohn meinte; Megadeth sind auf Abschiedstour und ich möchte die noch live sehen. Da gibt es natürlich von meiner Seite her nichts einzuwenden, es gibt definitiv Schlimmeres als eine Band aus den Reihen der Big Four auf ihrer Abschiedstour zu beehren und ein letztes Mal sehen, wie Vic Rattlehead aufs Publikum starrt. Leider hat es diesmal nicht für einen Fotopass gereicht, aber ich darf als Journalist schalten und walten. Der Verzicht auf den Kamerasucher schärft dafür den Blick auf das Wesentliche und zwar auf die pure, mathematische Präzision wie die knallharten Riffs mit der Schärfe eines Schweizer Taschenmessers serviert werden. Deshalb habe ich mich auch ein bisschen unkonventionell dazu entschieden, in diesen Bericht auch einen Karriererückblick zu packen. Also los geht die Symphonie der Zerstörung.
Um die historische Tragweite dieses Abends zu verstehen, muss man die Uhren um mehr als vier Jahrzehnte zurückdrehen. Die Geburtsstunde von Megadeth schlug nicht im Studio, sondern auf einer viertägigen, bitteren Busfahrt im April 1983. Dave Mustaine, gerade wegen seines exzessiven Lebensstils spektakulär bei Metallica vor die Tür gesetzt, sass auf dem Weg von New York zurück nach Los Angeles und schmiedete Rachepläne. Auf einem weggeworfenen Handzettel des kalifornischen Senators Alan Cranston stieß er auf das Wort „Megadeath“. Ein militärischer Begriff für eine Million atomare Todesopfer. Mustaine strich das zweite „A“, gründete die gleichnamige Band und schwor sich, Musik zu erschaffen, die schneller, härter und technisch anspruchsvoller sein sollte als alles, was seine Ex-Kollegen je zustande brächten.
Aus dieser puren Urgewalt des Trotzes erwuchs eine Karriere, die das Genre des Thrash Metal massgeblich definiert hat und Megadeth zielsicher in den Olymp der „Big Four“ neben Metallica, Slayer und Anthrax katapultieren sollte. Nach den wegweisenden Frühwerken „Killing Is My Business…“ und „Peace Sells… But Who’s Buying?“ manifestierte sich der musikalische Geniestreich der Band im Jahr 1990: Mit dem Album „Rust in Peace“ legten Megadeth das absolute Lehrstück des technischen Thrash Metal vor. Songs wie „Holy Wars… The Punishment Due“ oder „Hangar 18“ setzten mit ihren hochkomplexen, fast jazzigen Songstrukturen, progressiven Tempowechseln und extrem vertrackten, zweistimmigen Gitarrensoli Massstäbe, die bis heute unerreicht sind. Den kommerziellen Zenit erreichte die Band schließlich 1992 mit dem Meisterwerk „Countdown to Extinction“, das auf Platz 2 der US-Billboard-Charts einstieg und Megadeth mit Hits wie „Symphony of Destruction“ weltweit ausverkaufte Konzerte garantierte.
Dass diese Abschiedstournee überhaupt in dieser spielerischen Perfektion stattfinden kann, grenzt an ein medizinisches Wunder und zeugt vom unbändigen Überlebenswillen des Bandkopfes. Im Jahr 2002 schlief Mustaine unglücklich auf seinem linken Arm ein und erlitt eine schwere Radialisnerv-Parese. Die Ärzte prognostizierten das endgültige Ende seiner Karriere. Mustaine löste die Band auf, erfand seine Greifhand-Technik in monatelanger, qualvoller Physiotherapie quasi neu und formierte Megadeth nur zwei Jahre später neu. Selbst von einer Kehlkopfkrebs-Diagnose im Jahr 2019 liess sich der rothaarige Frontmann nicht stoppen. Es passte ins Bild dieses unermüdlichen Kämpfers, dass die Band, nach zuvor elf vergeblichen Nominierungen, im Jahr 2017 endlich ihren ersten Grammy für den Song „Dystopia“ entgegennehmen durfte. Dass die Award-Hausband beim Gang zur Bühne ausgerechnet Metallicas „Master of Puppets“ anstimmte, trug Mustaine mit dem gewohnten, sarkastischen Grinsen. Er meinte einen Tag später; man kann es ihnen (dem Orchester) nicht verübeln, dass sie nicht in der Lage sind, einen Megadeth Song zu spielen.
Megadeth, das war über all die Jahrzehnte hinweg eine absolute Diktatur des Dave Mustaine. Weit über 20 verschiedene Musiker verschliss der charismatische Bandleader im Laufe der Zeit. Doch pünktlich zum großen Finale, flankiert vom aktuellen, grossartigen Studioalbum, präsentierte sich die Band auf dieser Abschiedstournee in einer Verfassung, die keinerlei Altersmüdigkeit erkennen lässt. Es ist das endgültige und würdevolle Finale einer Band, die antrat, um die Grenzen der extremen Musik zu verschieben und die genau das bis zum letzten Akkord getan hat.
Erst aber darf die polnische Death Metal Band Decapitated ihre Arbeit als Anheizer verrichten. Ihnen wird 30 Minuten zugestanden um Zürich auf Betriebstemperatur zu bringen. Ich bin der Band bisher noch nie über den Weg gelaufen und bin mal gespannt was jetzt kommt. Relativ schnell macht Frontmann Rafal Piotrowski den Animateur für das Publikum und wider meinem Erwarten, schafft er dies verdammt gut. Die Meute ist gierig den technisch hochstehenden Death Metal abzufeiern und von meiner Position aus sehe ich auch gut, dass das Publikum bis hinter das FOH Mischpult mitmacht, die Devil Horns in die Höhe streckt auch auch nur die Faust, wenn gefordert. Schande über mich, dass ich die Band nicht schon früher in ihrer 30 jährigen Karriere live besucht habe. Das Publikum ist macht auf alle Fälle enthusiastisch mit und mittlerweile begreife ich auch, dass ich es hier mit einer der besten, einflussreichsten und meistrespektierten Band zu tun habe. Dies kommt halt davon, wenn ich bei Death Metal bevorzugt das Melodic noch vornangestellt habe. Auf alle Fälle in sachstarker Auftritt der gerne länger hätte dauern dürfen
Rund eine halbe Stunde später ist für MEGADETH dann die Bühne hergerichtet. Der schlichte Bühnenaufbau mit einem recht großen Logo-Backdrop und einer Wand voller Marshall-Amps lässt bereits vermuten, dass Megadave und Co. auch heute die Musik sprechen lassen wollen. Als der rothaarige, schlaksige Frontmann mit seinen drei Gefährten gemächlichen Schrittes Richtung Bühne marschiert, haben sich bereits am Bühnenrand hinter Absperrgitter einige Fans positioniert die aus der Pole-Position die ersten paar Songs auf Berührungsdistanz miterleben dürfen. Die Stimmung in der Halle 622 ist bereits nahe am Siedepunkt und bevor der erste Ton fällt wird sie schon frenetisch gefeiert. Auch während den folgenden 90 Minuten werden in den Pausen zwischen den einzelnen Songs immer wieder „Megadeth“ – Rufe in Richtung der Bühne geschrien.
Mit „Tipping Point“ wird zum Auftakt direkt ein neuer Song ausgepackt, bevor sie mit „Take No Prisoners“ den Tarif für den heutigen Abend durchgeben. Symptomatisch zum vermutlich letzten Auftritt in der Schweiz lässt er mit „This Was My Life“ so quasi den Rückblick, Stand 1992, aus dem Ärmel. Natürlich dürfen die Klassiker wie „Hangar 18“, „Angry Again“ oder „Countdown To Extinction“ nicht fehlen und bringen die Menge zum Ausrasten. Erstaunlich ist vor allem, wie textsicher das Publikum in Oerlikon ist und wie viele Kehlen heute laut mitsingen.
Dave ist kein Mann der grossen Worte und lässt dafür die Musik sprechen. „Let There Be Shred“ kündigt er an und stellt zwischendurch auch fest, das der Heavy Metal noch längst nicht tot ist, wenn er die Menge der ausverkauften Halle 622 schaut und dabei Fans jeder Altersgruppe entdeckt. Auch wenn er längst nicht mehr dieses dynamische Stageacting aus alten Tagen liefert, seine sechs Saiten hat er im Griff, resp. in den Fingern, keine Spur seiner oben erwähnten Radialisnerv-Parese von vor über 20 Jahren. Austoben auf der Bühne dürfen sich seine Mitstreiter James LoMenzo (Bass) und Teemu Mäntysaari (Gitarre). Nicht zu vergessen Dirk Verbeuren am Schlagzeug, der schon mal aufsteht um auf die Felle zu dreschen und dabei immer schön schaut, dass ihm der Ventilator die Haare zum Wehen bringt.
Wenn dann Songs wie „Peace Sells“ mehrheitlich vom Publikum getragen werden, die Megadeth – Rufe zum so markanten Riff von „Symphony Of Destruction“ den Takt angeben, dann hat das schon etwas an sich. So von der Schweizer Bühne abzutreten, muss schon ein sehr geiles Gefühl sein. Wie so oft jedoch vermisse ich leider heute meinen absoluten Lieblingssong von Megadeth, „A Tout Le Monde“ vermisse ich leider schmerzlich, jedoch eine ausgewogene Setlist aus 17 Alben zusammenzustellen ist auch nicht gerade die Aufgabe die man einfach so an einem Montagabend macht. Immerhin bedient er sich bei acht Alben vorzüglich und lässt Kracher an Kracher folgen. Vereinzelt kann man auch Crowdsurfer ausmachen, mehrheitlich dürften aber am Dienstag einige an der überstrapazierten Nackenmuskulatur leiden. Irgendwann kommt auch mein Sohnemann völlig durchschwitzt aus der Menge zurück an meinen Platz am Rande des Geschehens. Megadeth hat ihm und den vielen tausend Fans in der Halle einen würdigen Abschied von der Schweizer Bühne geschenkt. Bei mir aber auch den Eindruck bestärkt, dass vor 43 Jahren der Musikwelt nichts besseres hat passieren können, als Metallica auf seine weiteren Dienste verzichten wollten. DANKE Megadeth.
Ein Kritikpunkt bleibt dann aber auch noch an der Halle 622 auszusetzen. Wenn ich mit meinem Sohn noch während „Symphony Of Destruction“ an eine der beiden Bars in der Halle ein Getränk holen möchte, erwarte ich schon, dass diese noch geöffnet sind und nicht schon im Abräummodus befinden. Ich denke so mancher hätte da noch was genommen und sich den Weg ins Foyer ersparen wollen, wo noch ein einzelner Bar-Keeper die komplette Arbeit verrichten durfte. Rauswurf aus der Halle geht anders.