Ganz bewusst habe ich die letzten fast drei Monate meine Kamera von Konzerten ferngehalten. Was aber nicht bedeutet, dass ich an keinen Konzerten war. Im Gegenteil, ich wollte einfach wieder einmal als «normaler» Konzertgänger im Publikum stehen und mich von der Livemusik elektrisieren lassen, anstelle das Auge durch den Sucher auf das Geschehen zu richten und mit der Brille des Kritikers zu betrachten. Bei wunderschönem Frühlingswetter und angenehmen Temperaturen nehme ich im späteren Nachmittag mit meinem Sohn die Fahrt nach Pratteln unter die Räder. Bei diesem Wetter spielt der Tour Name «Tour Noir» von Lord Of The Lost zwar nicht ganz ins Schwarze (oh Wortspielerei). Bei Sonnenschein um 18:00h vor dem Einlass sich in die Schlange zu stellen ist jedoch auf jeden Fall angenehmer als bei dunklen (schwarzen) Regenwolken. Die Zutrittskontrolle geht einmal mehr sehr zügig über die Bühne uns wir sind Ratz-Fatz in der Halle und begrüsst schon einmal die ersten bekannten Gesichter. Gemäss meiner Info sollen sich an diesem herrlichen Grillwetter-Abend über 1’000 Personen im Z7 einfinden, was zwar nicht ausverkauft, aber doch bis nach sehr weit hinten, gut gefüllt ist. Mit League Of Distortion und Dogma warten heute auch zwei weitere interessante Bands darauf, die Halle auf Betriebstemperatur zu bringen.

Den Anfang macht dabei League Of Distortion, die ich heute an dieser Stelle zum zweiten Male live sehe. Ich kann also die Frage von Frontfrau Anna Brunner, die sie später noch stellen wird, mit Ja beantworten, dass ich vor drei Jahren schon hier war. Damals eröffneten sie am 12.03.2023 das Programm für Kamelot. Mir ist dieses Konzert nicht nur wegen dem Konzert selbst in guter Erinnerung, sondern auch weil tags darauf mein Opel Antara mit einem kapitalen Motorschaden liegen geblieben ist und somit sein zeitliches gesegnet hatte und so sein «The Bitter End» gefunden hat. Dieser Song aus dem Jahre 2022 schafft es letztendlich nicht in die kurze Setliste von heute Abend, welche hauptsächlich das vor zwei Jahren erschienene Album «Galvanize» mit vier von sechs gespielten Songs bedient. Pünktlich um 19:00 betritt das Quartett um die sympathische Anna die Bühne. Während die Bassist Felix und Gitarrist Oli ihr Arbeitsgerät um den Hals hängen haben, kommt Anna mit Ketten schwer behangen an den Bühnenrand. Den Schlagzeuger hat man aufgrund der bereits aufgestellten Podeste des Headliners dezent auf die linke, dunkle Ecke verbannt. Er hat somit zwar den kürzesten Weg aus dem Backstagebereich auf die Bühne, dafür suhlt er sich nicht gerade im Bühnenlicht. League Of Distortion hat gleich mit ihrem ersten Song «Galvanize» dem Titelsong des aktuellen Tonträgers, das Publikum voll im Sack. Sie schafft aber auch gerade so die Gratwanderung zwischen Ansagen und Werbung machen für Merch und mehr «Follower» auf den sozialen Kanälen. Lässt dafür auch alle Anwesenden das Handy leuchten und sich «connecten» wie es auf Neudeutsch heisst, sie spricht also die Sprache der Influenzer. Heutzutage ein wichtiger Aspekt, um sich Aufmerksamkeit in den Wirren der Rockwelt zu schaffen. Mir jedoch war die Werbung in eigener Sache von der Länge her, hart an der Grenze und hätte gerne noch einen Song mehr gehört. League Of Distortion erledigen ihren Job als Anheizer jedoch bereits formidabel und sorgen für richtig gute Stimmung.

Kurze Umbaupause, bevor es mit Dogma weitergeht. Auf diese Band bin ich heute vor allem gespannt. Ich habe sie bisher noch nie live gesehen, jedoch in der Vorbereitung gesehen, dass ich auf Spotify immerhin drei Songs «geliked» habe. Als ich dann vor ein paar Monaten von den ganzen Besetzungswechseln und Diskussionen über wie sie entlohnt werden, war ich mir dann erst einmal nicht so sicher, ob sie dann überhaupt auf der Tour dabei sein werden. Wie das aber bei solchen von Managern zusammengestellten Bands wie Dogma ist, irgendwie lassen sich immer ein paar Mitglieder finden, die sich mit Verträgen knebeln lassen. Jetzt aber startet die Vorabendmesse, die von Nonnen verlesen wird, passend dazu steht dazu am Merch-Stand der Becher für das Kirchenopfer mit der Aufschrift «Tip for Beer». Zumindest gibt es also auch keine Alkohol Enthaltsamkeit im Frauenkloster. Überhaupt, ich glaube in den Himmel werden sie nicht kommen. Da hilft auch die Ablege der Beichte mit dem Song «Father I Have Sinned» nicht. Ja die Band weiss mit ihren Reizen zu spielen und wissen zu posieren, selbst ein Ausflug in den Fotograben lässt sich Sängerin Lilith nicht nehmen. Die turbulenten Besetzungswechsel hat man jetzt (vorerst) hinter sich und sie legen sich gleich richtig ins Zeug. Die Schlagzeugerin lässt sich zwar immer noch schlecht mit der Kamera einfangen, dafür bewegt sich der Rest der Band vorbildlich lasziv am vorderen Bühnenrand auf den Podesten. Obwohl ich glaube einige der Posen fordern doch schon einiges an Muskulatur. Ich kann mir gut vorstellen, dass nach dem Können am Instrument, auch der Oberschenkel-Umfang ein Einstellungskriterium. Dogma setzt also sehr stark auf die visuelle Wirkung und trumpft mit einer ästhetischen Identität und einer wohl ziemlich einstudierten Bühnenpräsenz. Ich bin aber auch positiv überrascht von der musikalischen Qualität. Das drückt richtig geil was da geboten wird. Leider muss ich aber auch festhalten, dass der Schwachpunkt in der Stimme liegt. Lilith kämpft gegen die Wucht der Band und ist das wohl unbeständigste Element. Gerade gegen den Schluss der Show hat sie echt Probleme mitzuhalten. Zum Schluss gibt es noch die Coverversion von «Like A Prayer» von Madonna auf die Ohren. Alles in allem jedoch ein guter Auftritt, der mich doch mehrheitlich positiv überrascht hat.

Und wieder einmal kommt die Umbaupause und heute Abend bringt sie für mich persönlich eine grosse Überraschung. Laufe ich doch nichts ahnend einem guten alten Freund in die Arme, denn ich mittlerweile einige Jahre nicht mehr gesehen habe. Früher haben wir Proberaum geteilt, so manchen Liter Bier in der Stammbeiz weggespült. Zufällig treffe ich so Raubi an und wir diskutieren schon einmal über die beiden Bands, die ihren Auftritt bereits hinter sich haben und schwelgen in alten Zeiten. Irgendwann erlischt das Licht und ich befinde mich wieder im Fotograben ein als die ersten brachialen Töne von „Kill The Lights“ durch die Boxen jagen. Den Titel des Songs nehmen sich Lord Of the Lost schon gerade sehr wörtlich. Viel Licht ist hier nicht auszumachen und wenn dann gibt es auch noch Strobo, aber ja, ich versuche auch mit diesen Bedingungen umzugehen. Chris Harms betritt die Bühne mit einer Aura, die das Z7 mit seinen rund tausend Besucher augenblicklich bis in den letzten Winkel ausfüllt. Es ist faszinierend zu beobachten, mit welcher absoluten Leichtigkeit er vom ersten Moment an die Halle im Griff hat. Ein Frontmann durch und durch, dessen charismatische Präsenz und wandelbare Stimme mich unmittelbar in ihren Bann ziehen. Die Band eröffnet das Set mit einer Wucht, die klarstellt: Dieser Abend wird keine Gefangenen machen. Ich bin ja erst spät in die Geschichte von Lord Of The Lost eingetaucht, genau genommen erst im letzten Jahr, als ich sie zum ersten Mal live sah. Musste aber auch da attestieren, dass sie mich total in den Bann gezogen haben. Deshalb freue ich mich auf die bevorstehende Spielzeit, aber auch auf den Auftritt in ein paar Monaten am Rock The Lakes. Die Atmosphäre ist von Beginn an phänomenal, im Verlauf der Show scherzt Chris über die extremen Temperaturunterschiede: Gestern noch habe die Band bei frostigen 8 Grad unter freiem Himmel gespielt, und heute fühlen wir uns hier drin wie in einer „Sauna bei gefühlten 80 Grad“. „Wir saunieren heute alle zusammen!“, ruft er uns zu. Die Band ist in sauguter Laune, animiert zum Ein-Personen-Circle-Pit. Es gab Zeiten, da hatten Keyboards einen harten Stand in einer Metalband, stellt man auf der Bühne fest, dass bei ihnen gleich zwei in die Tasten hauen, will vermerkt werden. Harte Typen dürfen auch kuscheln, und zwar am Besten mit dem wieder erhältlichen axoLOTL Plüschtier. Ein Exemplar darf auch gleich ein neues Herrchen suchen. Musikalisch ist der Abend eine meisterhafte musikalische Reise durch zehn Veröffentlichungen. Die Stücke der neuen „OPVS NOIR“-Trilogie fügen sich nahtlos ein und wirken live wie pure Energieentladungen. Auf den Opener folgt direkt „My Funeral“,mit „Damage“ und dem ewigen Klassiker „Prison“ geht es Schlag auf Schlag weiter. Ich merke, die Setlist besteht aus altem und neuem Material. Wobei neu bei Lord Of The Lost relativ zu betrachten ist. Die komplette OPVS NOIR Trilogie, bestehend, wie könnte es anders sein, aus drei Alben wurde innerhalb acht Monaten veröffentlicht. Sieben Alben in den letzten sechs Jahren, spricht Bände über die Kreativität, die in dieser Band steckt. Ein Hit jagt den anderen, auch wenn ich vergeblich auf One Last Song warte. Anfang des Jahres wurde bekannt, das Bassist Klaas Helmecke aus gesundheitlichen Gründen leider pausieren muss, unterdessen übernimmt Dom R. Crey von Nothgard den Tieftöner. Es ist beeindruckend, wie er sich einfügt. Er nutzt die gesamte Breite der Bühne, interagiert mit den anderen und füllt die Lücke so souverän, als wäre er schon immer an dieser Position gewesen. Die Intensität steigert sich mit krachenden Nummern wie „I Hate People“, dessen treibender Rhythmus uns nach vorne peitscht, gefolgt von „Blood for Blood“ und „Priest“. Doch Lord of the Lost können auch anders: Ein tiefgreifender, fast zerbrechlicher Moment bricht an, als die wunderschöne Ballade „In the Field of Blood“ erklingt. Für einen Augenblick scheint die Zeit im Z7 stillzustehen, die Hitze wird nebensächlich, und eine fast andächtige Stille legt sich über uns. Aber die Ruhe ist nur von kurzer Dauer. Mit der puren Kraft von „I’ll Sleep When You’re Dead“ und „On This Rock I Will Build My Church“ werde ich sofort wieder aus den Träumen gerissen. Über Hymnen wie „In Darkness, in Light“ und „Loreley“, bei denen das Z7 textsicherer ist als jeder Kirchenchor arbeiten wir uns zu weiteren Highlights der OPVS NOIR Trilogie vor, darunter „Winter’s Dying Heart“ und „I Will Die in It“. Bei „The Things We Do for Love“ zeigt Chris erneut seine ganze stimmliche Bandbreite, wenn er spielerisch zwischen kristallklarem Gesang, schnellem Sprechgesang und tiefen, gutturalen Growls wechselt. Irgendwann während der Show bedankt sich Chris beim Publikum für die Treue in den Jahren seit dem Bestehen der Band. Auch dafür, dass wir Fans all die musikalischen Eskapaden über uns ergehen lassen. Eine solcher Ausflug ist Doomsday Disco, der die Einleitung auf den wohl bekanntesten LOTL-Song macht, Blood & Glitter. Damit wollten sie auf den Eurovision Contest gehen, was zwar gelungen ist, aber entgegen am ESC hier natürlich zu weiteren Eskalationsausbrüchen führte, ist ja bekannt am ESC sind ja eher Kostverächter unterwegs. Auf der Trilogie gab es auch viele Gastmusiker, die alle mitzubringen ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit und schafft vielleicht ansatzweise nur Tobias Sammet. Eine Sängerin ist aber mit auf Tour und betritt zu Please Break The Silence die Bühne. Anna Brunner darf knapp zwei Stunden nach ihrem Auftritt mit League Of Distortion ein weiteres Highlight an diesem Abend im Duett singen, es ist pure Magie, die hier von der Bühne ausgestrahlt wird. Kann dies noch getoppt werden, ja, kann es. Dafür muss aber erst die Sprache gewählt werden. Chris meint zwar noch, dass die Band besser finnisch musizieren kann als er finnisch singen kann. Ich versteh eh kein Wort finnisch und Cha-Cha-Cha klingt eigentlich in allen Sprachen gleich. Während dieser Käärijä Coversong, der am Eurovision Song Contest 2023 den zweiten Platz belegte, machte ich mich bereits auf die Verabschiedungsrunde. Und als der Rausschmeisser Light Can Only Shine In The Darkness bewegen sich mein Sohn und ich in die Dunkelheit in Richtung Auto.

Zusammengefasst war dies wieder ein absolut würdiger Konzertabend im Z7. League Of Distortion dürften, dank viel Einsatz, wieder einige Fans dazugewonnen haben. Dogma überraschten mich zumindest musikalisch positiv, wenn auch die Sängerin nicht das Nonneplusultra gewesen ist. Aber Lord Of The Lost zeigten wie man mit viel Einsatz, Charme und Witz selbst einen Dark-Rock Abend zu einem Freundenfest mit viel Glam und Glitter werden lassen kann. Was die umtriebigen Hamburger da gezeigt haben, ist schon einmal ein frühes Konzert-Highlight in diesem Jahr und ich freue mich auf den Auftritt am Rock The Lakes in den frühen Morgenstunden, was bestimmt nochmals für eine besondere Stimmung sorgen wird.