Am 21. Juli 1986 veröffentlichte Motörhead ihr siebtes Studioalbum „Orgasmatron“, und traf damit einen Nerv, den kaum jemand erwartet hatte. Die Band befand sich zu dieser Zeit in einer prekären Lage: Nach dem Bruch mit Bronze Records tourten Lemmy und seine Mannen monatelang ohne Plattenvertrag weiter, während praktisch jedes grosse Label der Musikindustrie abwinkte. Erst mit GWR Records fand sich schliesslich ein neues Zuhause, und „Orgasmatron“ wurde folgerichtig das erste Album dieser neuen Ära.
Musikhistorisch markiert die Platte gleich mehrere Premieren für die Band. Es war das erste Motörhead-Album mit zwei Gitarristen gleichzeitig, Phil „Wizzö“ Campbell und Michael „Würzel“ Burston ergänzten sich hier erstmals im Studio, wodurch aus dem klassischen Powertrio ein vierköpfiges Line-up wurde. Ausserdem ist „Orgasmatron“ das einzige vollständige Studioalbum, auf dem Pete Gill am Schlagzeug sass. Er hatte zwar schon auf den neuen Stücken des Kompilationsalbums „No Remorse“ von 1984 mitgewirkt, ein komplettes reguläres Album mit ihm sollte es aber nur dieses eine geben.
Für die Produktion holte sich die Band mit Bill Laswell einen ungewöhnlichen Namen ins Boot, ein Musiker und Produzent, der eher für Funk, Avantgarde und experimentelle Klänge bekannt war als für Heavy Metal. Das Ergebnis war ein Sound, der druckvoller und dichter klang als frühere Motörhead Alben, auch wenn manche Kritiker die Produktion im Nachhinein als etwas zu wuchtig und weniger transparent empfanden. Bill produzierte und mitkomponierte unter anderem den erfolgreichen Titel Rockit von Herbie Hancock. War als Bassist auf Peter Gabriels Album „So“ zu hören. Produzierte aber auch Mick Jagger’s erstes Soloalbum, war Produzent von Yoko Ono. Nach „Orgasmatron“ war er auch erfolgreich für Iggy Pop oder The Ramones,
Ein hübscher Funfact rankt sich um den Albumtitel. Ursprünglich sollte das Album „Ridin‘ with the Driver“ heissen, nach einem der enthaltenen Songs. Als der Titel dann kurzfristig zu „Orgasmatron“ geändert wurde, war es für Cover-Künstler Joe Petagno bereits zu spät, sein Artwork anzupassen, weshalb das fertige Cover bis heute die markante Zuglok-Motivik des ursprünglichen Konzepts zeigt, obwohl sie inhaltlich gar nicht mehr zum neuen Titel passt.
Musikalisch gilt „Orgasmatron“ vielen Fans als Wendepunkt: Nach dem kommerziell eher enttäuschenden, aber künstlerisch geschätzten Vorgänger „Another Perfect Day“ von 1983 brachte das Album die Band zurück auf Kurs. Der über fünfminütige Titeltrack „Orgasmatron“ gehört zu den düstersten und schwersten Stücken im gesamten Motörhead-Katalog, ein fast schon episches Stück über Macht, Religion und Krieg, das textlich weit über das übliche Rock’n’Roll-Terrain der Band hinausgeht. Zusammen mit „Deaf Forever“, der ausgekoppelten Single des Albums, zählt der Song bis heute zu den Live-Klassikern der Band.
Kommerziell zahlte sich der Neustart aus. „Orgasmatron“ erreichte Platz 21 der britischen Album-Charts. Im Herbst 1986 folgte die begleitende „Orgasmatron Tour“, die sich über fünf Etappen und rund 96 Konzerte bis ins Frühjahr 1987 zog, zugleich die letzte Tournee mit Pete Gill am Schlagzeug, bevor mit Phil „Philthy Animal“ Taylor ein altbekanntes Gesicht wieder in die Band zurückkehrte.
Auch Jahrzehnte später blieb der Titeltrack lebendig: Im Jahr 2000 nahm die Band eine neue Version namens „Orgasmatron 2000“ auf, die zunächst als Download veröffentlicht und später in die umfangreiche Box-Set-Compilation „Stone Deaf Forever!“ von 2003 aufgenommen wurde, ein Beleg dafür, wie sehr dieses eine Stück über die Jahre zum Aushängeschild des Albums wurde.
Mit seiner Mischung aus roher Wucht, ungewöhnlicher Produktion und einem Titeltrack von fast schon monumentaler Schwere hat sich „Orgasmatron“ seinen festen Platz in der Motörhead-Diskografie verdient, als Album, das eine Band im Umbruch zeigte, und das zugleich bewies, dass sie auch unter widrigsten Umständen noch zu ihren stärksten Momenten fähig war.