Heute vor genau 40 Jahren erblickte das Debütalbum „Night Songs“ von Cinderella das Licht der Welt. In einer Ära, in der der Sunset Strip in Los Angeles das Epizentrum des Glam Metal war, katapultierte dieses Album vier Jungs aus Philadelphia quasi über Nacht in die absolute Rock-Elite. Mit Hits wie „Nobody’s Fool“, „Shake Me“ und „Somebody Save Me“ marschierte die Platte unaufhaltsam bis auf Platz 3 der US-Billboard-Charts und verkaufte sich allein in den USA über drei Millionen Mal. Doch „Night Songs“ war weit mehr als nur ein kommerzieller Erfolg im glitzernden Strom der Achtziger, es ist ein Meilenstein, dessen Relevanz für den Hard Rock bis heute nachwirkt. Genau dies erlebe ich aktuell fast jeden Tag zu Hause. Mein jüngster Sohn hat die Band für einigen Wochen für sich entdeckt und nun läuft sie wie damals vor 40 Jahren in meinem Teenager-Zimmer, fast jeden Tag in unserem Haushalt. Gerade „Somebody Save Me“ hat es ihm extrem angetan.
Cinderella wurden damals optisch schnell in die Schublade des Hair Metal gesteckt, toupierte Haare, viel Make-up und schrille Outfits waren eben der Zeitgeist. Musikalisch hob sich „Night Songs“ jedoch drastisch von der Konkurrenz ab. Angetrieben von Frontmann Tom Keifers Reibeisenstimme, die klang, als hätte er morgens mit Rasierklingen gegurgelt, lieferte das Album ungeschiffene, dreckige Riffs, die tief im klassischen Blues- und Hard-Rock der 70er-Jahre verwurzelt waren.
Während Bands wie Poison eher auf poppige Party-Hymnen setzten, brachten Cinderella eine bodenständige Härte mit. Songs wie der packende Titeltrack „Night Songs“ oder „Somebody Save Me“ behandelten die finanziellen und alltäglichen Sorgen der Arbeiterklasse. Das Album schaffte den Spagat, die stadiontaugliche Hooklines der 80er mit der rohen Energie von Aerosmith und AC/DC zu kreuzen. Damit ebneten sie den Weg für einen erdigeren, blues-basierten Hard-Rock-Sound, den sie auf den Nachfolgern „Long Cold Winter“ und „Heartbreak Station“ später perfektionierten.
Rund um die Entstehung und den Erfolg des Albums gibt es ein paar Anekdoten, die zeigen, wie eng verstrickt die Rockwelt damals war:
Der Bon-Jovi-Faktor: Cinderella spielten sich in den Clubs von Pennsylvania die Finger wund, wurden aber von den Plattenfirmen zunächst eiskalt abgelehnt. Der große Durchbruch kam, als ein gewisser Jon Bon Jovi die Band im Empire Rock Club in Philadelphia sah. Er war so begeistert von Tom Keifers Songwriting, dass er zu seiner eigenen Plattenfirma (Mercury Records) ging und sagte; Wenn ihr diese Jungs nicht unter Vertrag nehmt, bin ich weg. Das Label hörte auf ihn, der Rest ist Geschichte. Jon Bon Jovi steuerte für „Night Songs“ sogar Background-Vocals bei (zu hören auf „Nothin‘ for Nothin'“ und „In From the Outside“).
Das Schlagzeug-Geheimnis: Als die beiden Gründungsmitglieder Tony Destra (Schlagzeug) und Michael Schermick (Gitarre) die Band im Jahr 1985 verließen, um die Band Britny Fox zu gründen, stießen Jeff LaBar als neuer Gitarrist und eben Jim Drnec als neuer Schlagzeuger zur Band. Das war genau die Phase, in der Cinderella ihren Plattenvertrag bei Mercury Records unterschrieben und mit den Arbeiten an ihrem Debütalbum begannen. Das bedeutet: Jim Drnec war der Schlagzeuger, mit dem die Band ins Studio ging, um „Night Songs“ aufzunehmen. Obwohl er beim Aufnahmeprozess dabei war, war er auf dem finalen Album letztlich nicht zu hören. Noch während der Aufnahmen oder kurz danach trennten sich die Wege von Drnec und der Band wieder. Er wurde durch Fred Coury ersetzt. Da Coury rechtzeitig zur Fertigstellung des Artworks festes Mitglied war, wurde dieser im Booklet genannt und auf dem Cover abgebildet, während Jim Drnec leer ausging. Fred Coury ar jedoch auch nicht auf dem Album zu hören. Produzent Andy Johns hielt Coury damals noch für zu unerfahren für die Aufnahmen. Kurzzerhand wurde der Session-Schlagzeuger Jody Cortez engagiert, der die gesamten Drum-Spuren des Albums einspielte.
Chili Dogs vor dem Ruhm: Bevor der große Plattenvertrag unterschrieben wurde, war die Band chronisch pleite. Um etwas Geld in die Kasse zu spülen, drehten Cinderella einen unfassbar skurrilen und heute legendären Low-Budget-Werbespot für eine lokale Fast-Food-Kette namens „Pat’s Chili Dogs“. Ein herrlich nostalgisches Stück Zeitgeschichte, das die Musiker Jahre später vermutlich lieber vergessen hätten.
Ein ganz besonderes Schmuckstück: Auf dem berühmten, leicht exzentrischen Cover von „Night Songs“ trägt Tom Keifer eine markante, glitzernde Brosche an seiner Kleidung. Fast 30 Jahre später, im Jahr 2015, schenkte Keifer genau diese originale Brosche an Lzzy Hale, die Frontfrau von Halestorm als symbolische Übergabe des Rock-Staffelstabes an die nächste Generation. Mit ihr spielte er an einigen Konzerten auch den Megahit „Nobody’s Fool“ live im Duett. Die Brosche hat Lzzy dann übrigens auch auf dem Cover von „Into The Wild Life“ getragen
Nobody’s Fool: Es ist wohl grösste Song des Albums und der absolute Durchbruch-Hit für Cinderella gewesen. Die Power-Ballade kletterte bis auf Platz 13 der US-Billboard-Charts und lief auf MTV im Dauereinsatz. Das Musikvideo zu „Nobody’s Fool“ war im Grunde ein kleines Popkultur-Phänomen auf MTV, weil es eine fortlaufende Geschichte erzählte. Es knüpfte nahtlos an das Video der ersten Single „Shake Me“ an. In der Story geht es (passend zum Bandnamen) um ein modernes Aschenputtel-Mädchen, das im „Shake Me“-Video von der Band ein magisches Ticket bekommt und im „Nobody’s Fool“-Video mit der Band im Proberaum abhängt, während ihre bösen Stiefschwestern sie jagen. Pünktlich zur Mitternacht verwandelt sich ihr cooles Rocker-Outfit zurück in ein schlichtes weißes Kleid und sie muss fliehen. Am Ende trifft sie die Band am Autogrammtisch wieder, und Tom Keifer schaut sie mit einem genialen Blick des Wiedererkennens an. Während viele Hair-Metal-Bands dieser Ära Balladen über ein ganz bestimmtes Groupie oder die verlassene Highschool-Liebe schrieben, hatte Tom Keifer einen anderen Ansatz. Er betonte in Interviews, dass der Song die angesammelte Erfahrung des Entliebens beschreibt. Es war kein Song für eine exakte Person, sondern die Zusammenfassung aus mehreren schmerzhaften Trennungen, die er vor dem Erfolg durchgemacht hatte. Genau diese universelle, fast bluesige Aufarbeitung von emotionalem Betrug („You were a thief of my heart…“) verlieh dem Song eine spürbare Tiefe, die manchem Genre-Kollegen abging. Der Song gilt in Rock-Kreisen als Paradebeispiel für Tom Keifers außergewöhnliche Gesangstechnik. Er singt die Strophen relativ tief und intim, wechselt dann aber im Refrain in ein extrem druckvolles, verzerrtes Falsett (eine sogenannte reinforced falsetto scream). Dieser Wechsel verlangt den Stimmbändern alles ab. Keifer sang den Song live oft einen Halbton tiefer, um seine Stimme auf langen Tourneen zu schonen, da dieser Track absolute Schwerstarbeit ist.