Ein zeitloser Klassiker des kanadischen Melodic Rock feiert Jubiläum: Vor genau 35 Jahren veröffentlichten Harem Scarem ihr selbstbetiteltes Debütalbum und setzten damit ein meisterhaftes Ausrufezeichen in einem turbulenten Umbruchjahr der Rockmusik.
Als das Debüt von Harem Scarem am 6. August 1991 über Warner Music Canada erschien, befand sich die internationale Rocklandschaft an der Schwelle zu einer gewaltigen Zäsur. Während in Seattle die Grunge-Welle rollte und das traditionelle Hard-Rock-Genre binnen weniger Monate umkrempelte, bewies die 1989 in Toronto von Gitarrist Pete Lesperance und Sänger Harry Hess gegründete Formation, wie frisch, dynamisch und modern anspruchsvoller AOR und Melodic Rock klingen konnten. Ich entdeckte die Band jedoch erst drei Jahre später als ich meinen ersten Aufenthalt in Kanada hatte. Ich erwarb die CD Mood Swings, das unumstrittene Meisterwerk, das zweite Werk, für den CD-Spieler des Mietautos. Die Folge war der Halt im nächsten Plattenladen um auch das Debüt zu erwerben.
Das Erstlingswerk überzeugte Kritiker wie Fans auf Anhieb durch eine bemerkenswerte Balance. Einerseits lieferte die Band knackige, gitarrengetriebene Riffs und glasklare Melodien, andererseits hoben sich Harem Scarem durch hochkomplexe, mehrstimmige Gesangsarrangements und feinfühliges Songwriting von vielen Genre-Kollegen ab. Das Album brachte im kanadischen Heimatland den großen Durchbruch und platzierte gleich mehrere Singles erfolgreich im Radio, allen voran das treibende „Slowly Slipping Away“, das emotionale „Honestly“ sowie den treibenden Opener „Hard to Love“. Gerade „Honestly“ wurde über die Jahre hinweg zu einer der beliebtesten Rock-Balladen Südostasiens. Noch Jahrzehnte nach der Veröffentlichung gehörten Coverversionen des Songs in Ländern wie den Philippinen zum Standard-Repertoire von Radio-Playlists und Talentshows.

Für die globale Musikwelt war das Debüt von Harem Scarem ein wichtiger Meilenstein. Während der US-amerikanische Markt durch den Hype um Bands wie Nirvana oder Pearl Jam rasch das Interesse an klassischen Melodic-Rock-Acts verlor, etablierte sich das Album in Kanada und insbesondere in Japan als Kultgut. Das Werk legte das Fundament für eine treue internationalen Fanbasis, die der Band über Jahrzehnte hinweg die Treue hielt.
Musiker und Kenner des Genres schätzen die Scheibe bis heute vor allem für zwei Dinge. Pete Lesperances meisterhaftes Gitarrenspiel, das virtuose Technik mit eingängiger Melodieführung verband, und Harry Hess’ unverwechselbare Stimme, unterfüttert von den für Harem Scarem typischen, chorähnlichen Satzgesängen. Das Erstlingswerk gilt unter AOR-Gourmets als Lehrbuchbeispiel dafür, wie kommerzielle Eingängigkeit und handwerkliches Können ohne Kitsch miteinander verschmelzen.
Harem Scarem haben aber auch einen anderen speziellen, ja fast emotionallen Wert bei mir. Als ich mit meiner Band in der Mitte der 00er Jahre einen neuen Sänger suchte. Bescherte mir die Band den neuen Mann am Mikro. Ich hatte damals als Lieblingsband im Steckbrief Harem Scarem aufgeführt. Dies war das entscheindende Zünglein an der Waage, dass ich der Mann meldete und bis heute ein guter Freund ist, obwohl er den Job als Sänger Ende der 00er Jahre in der Band beendete

Ich wunderte mich aber damals schon ein wenig ab dem Namen, woher kommt er den überhaupt? Der Name „Harem Scarem“ stammt ursprünglich von einem klassischen Bugs-Bunny-Cartoon aus dem Jahr 1939 (Hare-um Scare-um). Die Band übernahm das Wortspiel, das im Englischen für ein wildes, unüberlegtes Durcheinander steht. Die Videos zu „Slowly Slipping Away“ und „Honestly“ liefen auf dem kanadischen Musiksender MuchMusic in Dauerrotation und verhalfen den vier Musikern quasi über Nacht zu Teenager-Idol-Status in ihrer Heimat.