Wenn man über die goldene Ära des Nu Metal zur Jahrtausendwende spricht, kommt man an einem Meilenstein nicht vorbei. Am 05. Juni 2001 merkte die Rockwelt schlagartig, dass Texas nicht nur Post-Grunge und Country zu bieten hat, sondern auch tonnenschwere, aggressive Riffs, die direkt in den Nacken gehen. Das Debütalbum Sinner von Drowning Pool schlug ein wie eine Bombe und definierte den aggressiven, aber hochgradig melodischen Sound des Jahres. Es ist ein Album voller roher Energie, das von einem gewaltigen Triumph, aber leider auch von einer der tragischsten Geschichten der modernen Rockmusik begleitet wird.
Gegründet Ende der 1990er Jahre in Dallas, Texas, spielten sich die Instrumentalisten C.J. Pierce (Gitarre), Stevie Benton (Bass) und Mike Luce (Schlagzeug) zunächst die Finger wund, während sie nach dem perfekten Frontmann suchten. Sie fanden ihn in Dave Williams, einem charismatischen Sänger, der in der lokalen Szene wegen seiner extrovertierten Art und seiner gewaltigen Stimme bereits den Spitznamen „Stage“ trug. Mit ihm fiel das letzte Puzzleteil an seinen Platz. Die Band entwickelte einen wuchtigen Stil, der die düstere Heaviness von Pantera mit den eingängigen Rhythmen des damals boomenden Nu Metal kombinierte.
Als die Band ins Studio ging, um mit Produzent Jay Baumgardner (der auch für Papa Roach und Alien Ant Farm arbeitete) ihr Debüt Sinner aufzunehmen, ahnte niemand, wie rasant ihr Leben umgekrempelt werden würde. Das Album erschien am 5. Juni 2001 über Wind-up Records und breitete sich wie ein Lauffeuer aus. Angetrieben von der absolut monumentalen ersten Single Bodies schoss die Platte in den US-Billboard-Charts nach oben und erreichte innerhalb von nur sechs Wochen Platinstatus.
Das Geheimnis von Sinner lag in seiner kompromisslosen Geradlinigkeit. Während Bands wie Korn oder Limp Bizkit stark auf Hip-Hop-Einflüsse und Plattenspieler setzten, blieben Drowning Pool ein klassisches Rock-Trio mit einem Ausnahme-Sänger. Songs wie der aggressive Opener Sinner, das hasserfüllte Tear Away oder das fast schon hypnotische Pity funktionierten perfekt im Radio, ohne an Härte einzubüßen. Die Band wurde sofort für die legendäre Ozzfest-Tour gebucht, wo sie auf der Second Stage angeblich die Hauptbands regelmäßig alt aussehen ließ.
Doch der Traum hielt nicht lange. Am 14. August 2002, mitten auf der Tour zum Album und nur 14 Monate nach der Veröffentlichung von Sinner, wurde Dave Williams leblos im Tourbus aufgefunden. Er starb im Alter von nur 30 Jahren an einer unentdeckten Herzerkrankung (hypertrophe Kardiomyopathie). Der Schock saß tief in der gesamten Rock-Community. Williams galt als einer der freundlichsten und talentiertesten Newcomer der Szene. Obwohl Drowning Pool in den folgenden Jahrzehnten mit verschiedenen Sängern weitermachte, erreichte die Band nie wieder die magische, rohe Intensität ihres Debüts. Sinner blieb das ewige Denkmal für einen großartigen Frontmann.
Die Wahrheit hinter „Bodies“: Der weltbekannte Refrain „Let the bodies hit the floor“ wurde im Laufe der Jahre oft missverstanden und fälschlicherweise als Gewaltaufruf interpretiert. Dave Williams stellte jedoch zeitlebens klar, dass es in dem Song ausschließlich um die Dynamik und die friedliche, aber exzessive Energie in einem Moshpit geht. Er beschrieb das Gefühl, wenn im Club alle Hemmungen fallen und die Menschen sich einfach zur Musik fallen lassen.
Das kontroverse Radio-Verbot: Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 landete Bodies auf der berüchtigten Clear-Channel-Liste von Songs, die aufgrund potenziell sensibler Textpassagen vorerst nicht mehr im US-Radio gespielt werden sollten. Der Popularität des Tracks tat das allerdings keinen Abbruch, er wurde stattdessen zur Hymne im Untergrund.
Dave Williams‘ Herz aus Gold: Obwohl Dave Williams auf der Bühne wie eine Naturgewalt wirkte, war er abseits der Scheinwerfer für seine enorme Großzügigkeit bekannt. Von seinen ersten großen Tantiemen-Schecks für das Album Sinner kaufte er nicht etwa teure Sportwagen, sondern bezahlte das Haus seiner Eltern ab.
Ein unerwarteter WWE-Dauerbrenner: Der Song Tear Away wurde zu einem der offiziellen Themes für das Wrestling-Großereignis WrestleMania X8 im Jahr 2002. Die Band performte den Song (zusammen mit Bodies) sogar live im Stadion vor über 68.000 Zuschauern, was ihren Status in der Popkultur der frühen 2000er endgültig zementierte.
Das mysteriöse Cover-Model: Das markante, blau eingefärbte Cover des Albums zeigt das Gesicht einer Frau, über das sich eine tätowierte Hand legt, auf deren Fingern das Wort „SINNER“ steht. Die Hand gehört keinem Geringeren als Gitarrist C.J. Pierce, der sich das Wort extra für das visuelle Konzept des Albums temporär auf die Finger lettern ließ.
Wer die Band nun noch live erleben möchte bekommt in drei Wochen die Chance dazu am Summerside Festival. Tickets gibt es hier.