Es hat mehrere Gründe, weshalb ich an einem Dienstag Ende März die Reise ins Z7 unter die Räder nehme. Da wäre einmal Christina, die eine Tänzerin von All For Metal, mit ihr hatte ich kurz nach dem letztjährigen Auftritt am Rock The Lakes ausgemacht, dass sie mir ein paar Fotos unterschreibt. Leider sind die Bilder immer noch nicht unterschrieben, dazu aber später mehr. Ein weiterer Punkt ist die Band Crownshift, die sowas wie die aktuelle Supergroup (um diesen ausgelutschten Begriff zu verwenden) des Melodic Death Metals darstellt. Dann feiert aber auch Udo Dirkschneider mit seiner, schlicht Dirkschneider benannten, Band das 40-jährige Jubiläum des Accept Klassikers Balls To The Walls. Deutet also alles auf einen guten Abend mit guter Musik hin. Ausser der wie immer um die Feierabendzeit herrschende Stau rund um Luzern. Da der Konzertbeginn auf 18:45h angesetzt ist, es Dienstag ist und ich an der Arbeitsstelle auch noch das eine oder andere zu tun habe, denke ich, als ich in der Blechlawine stehe, dass wird eng. Reicht dann aber locker noch und ich bin nicht einmal der letzte Fotograf, der seinen Pass an der Abendkasse abholt. Im heiligen Konzerttempel dann die ersten Begrüssungen und unter einem gewissen Zeitdruck die Kameras umschnallen. Dies relativiert sich dann zwar wieder ein wenig, da der Zeitplan um eine Viertelstunde nach hinten geschoben wurde. So gibt es also noch vor Showbeginn den ersten Gang zur Bar, puuh nochmals Glück gehabt.
Somit geht es also um 19:00h los mit All For Metal. Die Band hat ja in den letzten beiden Jahren einen kometenhaften Aufstieg hingelegt und es gibt doch schon ein paar Stimmen, die sich wundern, dass sie den Abend eröffnen. Ja es erstaunt wie All For Metal, die vor zwei Jahren noch hinter verborgenen Türen ihre Karriere zu planen begonnen haben, bereits eine treue Anhängerschar um sich sammeln konnten. So wird wohl eine baldige erste Headlinertour nicht mehr in weiter Ferne stehen. Angeführt wird die Band von den beiden Frontmänner Tetzel und Antonio, die wir üblich ihre durchtrainierten Körper zur Schau stellen. Flankiert von den beiden Gitarristinnen Ursula und Jasmin. Jasmin gewinnt auch heute den Preis fürs Grimassen schneiden, sie lebt die Akkorde förmlich die sie auf ihren Saiten greift. In der zweiten Reihe, dafür über die komplette Bühne hinweg wirbelt Bassist Florian der zusammen mit Schlagzeuger Leif für den Boden sorgt. Üblicherweise würden jetzt aber noch zwei Showgirls die Stimmung zusätzlich anheizen. Beide Mädels sind heute jedoch nicht auf der Bühne anzutreffen. Ich gehe einmal davon aus, dass es im Tourbus keinen Platz mehr hatte. Für mich war dies jetzt aber eine kleine Enttäuschung, denn wie eingangs erwähnt wollte ich mir noch ein paar Autogramme abholen. Mein Versuch dieses bei Christina einzuholen, wäre jedoch sowieso misslungen. Wie ich in Erfahrung bringen konnte, wurde Christina vom Label gefeuert und ersetzt. Fällt heute zwar nicht ins Gewicht, aber bei den grösseren Bühnen gehe ich davon aus, dass die Showgirls wieder eingesetzt werden, und da werde ich Christina dann doch mit ihrer agilen Art schmerzlich vermissen. Musikalisch bieten All For Metal altbewährten Power Metal mit stark poppigem Anstrich. Was auffällt, vom aktuellen Album findet nur gerade ein Song den Einzug in die Setliste. Auch der Merchstand wird wieder stark angepriesen, diesmal strippt Antonio sein eigens für diese Tour kreierte Shirt aus. Ob dies bei der heute eher männlichen Audienz genauso gut angekommen ist, wie wenn es im Normalfall die Girls machen, sei einmal dahingestellt. Die Wirkung hatte es, so wurde der Stand nach der Show doch recht gut besucht. Wieso man jedoch bei einem so kurzen Slot ein Basssolo einbaut, oder generell Solos wird sich mir nie erschliessen, auch wenn Florian dabei den Schweizer Psalm angestimmt hat.
Die Umbaupause gestaltet sich angenehm kurz und nach ein wenig Smalltalk und einem weiteren Gang zur Bar geht es dann mit Crownshift in die zweite Runde. Die Band ist veröffnungstechnisch gesehen sogar noch jünger als All For Metal und haben gerade erst einmal ein Album am Start. Welches aber vollgepackt ist mit richtig starkem Songmaterial aus dem Melodic Death Umfeld. Deshalb gab es wohl auch die Fragezeichen in der Rangordnung am heutigen Abend. Für mich war es jedoch klar, weshalb und spätestens, wenn ein Blick auf die Besetzungsliste geworfen wird, dürfte vieles klar sein. Hier stehen gestandene Grössen von Bands wie Nightwish, Children Of Bodom und Finntroll auf der Bühne. Heute verstärkt durch den fünften Mann Tomy Laisto, der bei nicht minder bekannten Bands wie Insomnium live in die Saiten greift. Ist also hochkarätig besetzt dieses finnische Musikerkonsortium. Dass sie es auch live auf dem Kasten haben, davon konnte ich mich im vergangenen Jahr am Rock The Lakes überzeugen. Der Auftritt heute im Z7 ist der zweite Aufenthalt in der Schweiz wie Sänger Tommy Tuovinen dem Publikum mitteilt. Sie stellen aber auch den interessanten Farbtupfer im Kontrastprogramm des heutigen Dienstagabends dar. Der Farbtupfer kommt jedoch ausgezeichnet beim Publikum an. Das musikalische Können ist vom ersten Ton an gegeben. Es sind heute sicherlich nicht wenige dabei, die die Finnen zum ersten Mal erleben und ich schnappe so den einen oder anderen Wortfetzen auf. Da ist im Publikum durchaus Begeisterung für die doch härterer Schiene ausmachbar. Was mir bereits in Cudrefin, letzten Sommer, aufgefallen ist, Bassist Jukka ist hier deutlich agiler als bei Nightwish, wo er doch eher etwas auf der Seite verweilt, während er hier bei Crownshift doch eine zentralere Rolle einnimmt als beim Symphonic-Flaggschiff, dort hat man ja die Gallionsfigur in der Form von Floor am Bug des Schiffes. Die Spielzeit geht viel zu schnell vorbei und schon kündigt Tommy den Rauswerfer an. In Form der letzten Single Black Velvet, einer Coverversion des 90er Hits von Alannah Myles, die so richtig kracht. Geil was man aus dieser Nummer im Stande ist zu machen.
Die letzte Umbaupause ist im Gange und alles wartet gebannt auf den Auftritt der deutschen Metal-Legende Udo Dirkschneider. Der Auftritt wird angekündigt als die 40 Jahre Geburtstagsfeier des Albums Balls To The Walls. Dies erschliesst sich mir zwar nicht ganz genau weshalb. Denn das Album kam ja bereits 1983 auf den Markt, streng genommen sind es also 42 Jahre, die gefeiert werden. Aber egal, man soll die Feste feiern wie sie fallen und es ist alles angerichtet in der gut gefüllten Konzertfabrik Z7. Dem Alter des Albums geschuldet sieht man auch im Publikum, wo heute das Durchschnittsalter auch eher im Bereich des Albums liegen dürfte. Als wir den Fotograben entern wird das Schlagzeug gerade noch von den Abdecktüchern befreit bevor dann kurz darauf das Intro über die Beschallungsanlage losknistert. Knistern deshalb weil die Dirkschneider sich als Start gleich einmal Fast As A Shark ausgesucht haben. Und da knistert nunmal das Heidi-Heida Intro wunderbar wie wenn ein leicht abgenutzter Diamant über eine abgegriffen verstaubte Schallplatte den Weg durch die Rillen sucht. Was für ein Start, gleich mit dem inoffiziell wohl ersten Speed Metal Song aus deutschen Landen loszulegen, naja das kann ja noch heiter werden. Das Publikum geht ja jetzt schon steil und singt lauthals mit. Mit Living For Tonite wird gleich nachgelegt. Die meisten Bands machen nach zwei Songs dann schon einmal die erste Pause um die angereisten Gäste zu begrüssen. Nur bis Udo Dirkschneider zu Worte kommt vergeht ein Weilchen. Kaum ist der letzte Ton ausgeklungen, rufen hunderte von Stimmen; UDO, UDO. Was den 72-jährigen sichtlich rührt. Schon jetzt ist klar, da stehen ein mit Udo, Peter, Swen, Fabian und Andrey fünf Kerle auf der Bühne die bereits gewonnen haben. Midnight Mover folgt, Breaker wird rausgehauen der Knaller Metal Heart kommt um die Ecke. Alles ohne grosses Gerede auf der Bühne, just let the music talk. Was für ein Dienstagabend, was für ein Einstieg. Dann gibt Udo zum ersten Mal das Szepter, sprich Mikrofon ab und sein alter Wegkumpane aus Acceptzeiten Peter Baltes übernimmt wie auf dem 81er Album Breaker die Gesangslinien zu Breaking Up Again. Aber was kommt jetzt, es wird dunkel im Saal, ist wird still, zumindest von der Bühne her, die UDO Rufe bleiben bestehen. Einmal kurz innehalten und auf der Bühne wird wieder Licht. Das grosse Dirkschneider Backdrop wird eingeholt und dahinter kommt der Grund zum Vorschein, weshalb wir alle hier sind. 40 Jahre Balls To The Walls und jetzt geht die Geburtstagsparty los. Das ganze Album muss dran glauben und zwar schön sauber in chronologischer Reihenfolge. Was für ein Fest, ich zieh mich derweilen zurück ans hintere Ende der Halle um schön vom seitlichen Podest, gleich neben dem All For Metal Merchstand, wo auch Tetzel sich hingesetzt hat, den Überblick zu haben. Es ist eine eindrückliche Performance die hier geliefert wird. Dabei schieben sich Fabian und Andrey auch immer wieder die Soloparts zu. Wie habe ich dies vermisst die letzten Jahren bei Accept- Konzerten. Hier und jetzt herrscht eine Einheit auf der Bühne, kein Selbstdarsteller der sich im Scheinwerferlicht suhlen muss. Winterdreams beendet das Jubilaren-Album und auch das offizielle Set und die Band verzieht sich hinter die Bühne. Ja das sind sie wieder die UDO Rufe, den was bis jetzt von der Bühne kam war allerfeinster Teutonenstahl. Ist ja klar, dass man sich so nicht zweimal bitten lässt und zum Riffmonster Princess Of The Dawn zurückkehrt. Der fast durchgehend auf Dmoll gespielte Song ist verfehlt seine Wirkung nicht. Die Mitsingabschnitte werden durchgehend mitgesungen; Princess Princess Princess of the Dawn in der Endlosschlaufe lassen bei mir definitiv Hühnerhaut entstehen. Das Poulet wird aber noch nicht geschlachtet, denn mit Up To The Limit und Burning folgen noch zwei echte Livegranaten, bevor das Licht angeht.
Auf dem Rückweg zum Auto lasse ich mir den Abend im geistigen Auge noch einmal vorbeiziehen, entgleite in die Vergangenheit, erinnere mich an vergangene Accept Konzerte bis zurück ins Jahr 1993, als ich Accept wiedervereint mit Udo Dirkschneider zum ersten Mal live sah. Man kann davon halten was man will, sollen Udo und Peter, ihre Vergangenheit ruhen lassen oder nicht. Ich bin klar der Meinung, NEIN. Denn was ich heute gesehen habe, ist das beste Accept Konzert dem ich beiwohnen durfte. Ich habe es am heutigen Abend diverse Male gehört; aber Udo hat doch gesagt er trete nicht mehr als Dirkschneider auf. Ich hoffe die Stimmen sind nun verstummt. Dirkschneider ist die beste Accept Coverband mit mehr Acceptblut in den Adern als es das Original jemals wieder haben wird. Wer sich davon überzeugen will soll sich das Rock The Lakes Festival im August im Kalender dick anstreichen. Dirkschneider holt dann zum nächsten Schlag aus.



















