Es ist Januar, es ist Icerock Zeit. Sogar die klimatischen Bedingungen lassen auf das Wochenende nichts anderes zu, als die dicke Winterjacke einzupacken, als ich mich so langsam auf den Weg nach Wasen im Emmental mache. Die Vorfreude beginnt ja meist schon so um die Weihnachtszeit rum. Nämlich dann, wenn das erste Video auf den sozialen Kanälen erscheint und der Waschbär runtergelassen wird. Keine Angst echte Tiere kommen hier nicht zu schaden. Dieses alljährliche Ritual startet den Aufbauprozess der vielen Helfer. Wie in einem Video erkennbar muss sogar wieder einmal der Kühlwagen geheizt werden, damit er nicht einfriert. Das war doch vor einigen Jahren schon einmal der Fall, als ich bei -18°C im geheizten Inneren am Feiern war. Ganz so kalt wird es aber gemäss Prognosen nicht, aber die wiederholte Überprüfung der Winterjacke und der Enteisungsspray für die Autoscheibe muss schon her. Angekommen in meiner bewährten Unterkunft richte ich es mir erst einmal gemütlich ein und mache mich dann schon bald auf den Weg zum Festgelände. Natürlich bin ich wieder einmal viel zu früh dran, aber man lässt mich nicht in der Kälte stehen, so geht es entspannt auf die erste Begrüssungsrunde. Mittlerweile kenne ich ja auch einige fleissige Helfer und Helferinnen und halte diese noch bei den letzten Vorbereitungen auf. Wie die folgenden drei Tage ausgefallen sind, erfahrt ihr untenstehenden Bericht. Wie immer aus Sicht des Betrachters, welche nicht zwingend die Meinung der Anwesenden darstellt.

Pünktlich betreten Vater und Tochter, Fridu und Lea, die Bühne und testen die bereits zahlreich Anwesenden, ob das mit der Begrüssung noch sitzt. Nicht ganz zufrieden mit dem Begrüssungsapplaus wird diese Zeremonie nochmals eingeübt, was beim zweiten Mal doch wesentlich besser funktioniert. Wie immer sagen die Beiden jeweils sehr sympathisch die Bands an. Ich erachte dies als kleine Ehrerbietung gegenüber den jeweilig aufspielenden Musikern. Eine sehr starke Geste folgt bereits vor den ersten Akkorden, es wir emotional. Fridu bindet in seine Begrüssungsrede auch ein treuer Icerock-Freund mit ein, der uns im Herbst 2025 leider viel zu früh verlassen musste. Diese Schweigeminute gedenkt an Kaufi, der innerhalb der Szene schmerzlich vermisst wird. Das diesjährige Icerock Festival wird von den spanischen Hardrocker Hard Buds eröffnet. Und die Vier legen gleich los wie die Feuerwehr. Ohne lange zu fackeln, kommt ein Stampfer nach dem Anderen über die Beschallungsanlage und vermag gleich zu Beginn das Publikum näher an die Bühne zu rücken. Wie in der Ansage von Fridu erwähnt hat dieser spanische Stier echt was zu bieten. Gemäss Info sind sie mit einem Auto gleich direkt aus Spanien in die Schweiz gefahren, was bei diesem aktuell garstigen Winterwetter sicherlich auch nicht der leichteste Umstand ist. Laut Routenplaner muss man da mindestens neun Stunden einrechnen. Auf alle Fälle zeigt der im Logo angedeutete Stier seine Hörner und lässt mit einem Stilmix aus AC/DC und Motörhead nichts anbrennen. Dabei drücken die Katalanen aus Girona auch immer wieder ihre Dankbarkeit aus, dass heute hier auf der Bühne stehen dürfen. Auffällig ist vor allem Bassist Alex Rocha. Er nimmt die komplette Bühne in Beschlag, posiert vor der Kamera, macht seine Grimassen und lässt das Arbeitsinstrument auch schon einmal nur wenige Zentimeter über den Bühnenbretter schaukeln. Es ist ein Einstieg nach Mass in dieses liebgewonnene Kleinod der Festivalszene. Kein Wunder will das Publikum mehr, als sie nach ihrer Spielzeit die Bühne verlassen. Kurzerhand auf die Bühne zurückgekehrt, die Setliste bereits zu Ende gespielt, ohne dass darauf noch ein weiterer Song steht, entscheidet man sich goldrichtig für eine Coverversion von Ace Of Spades die es richtig innehat. Hard Buds schmeissen noch einmal alles in einen Topf und vertreiben mit diesen letzten drei Minuten des Auftrittes, die letzten Anflüge von Müdigkeit aus den Beinen. Mit diesem Auftritt hat die Band definitiv einige neue Fans dazu gewonnen.

Die halbstündige Umbaupause geht im Schopf von Wasen jeweils immer sehr kurzweilig vorüber. Gerade am ersten Tag des Festivals. Während ich über das Konzert vorne an der Bühne stand, füllte sich das Konzertgelände im hinteren Bereich immer mehr. Was auch bedeutet, dass die Begrüssungsrunde weiter ausgedehnt wird. Ich habe es schon geschrieben, man kennt sich hier am Icerock, das Festival, welches bei mir meist der Abschluss der Weihnachtsferien markiert. Aber jetzt geht es weiter mit einheimischer Kost. D’Or aus dem Kanton Luzern mussten «nur» über die Fritzenfluh fahren, haben zwar nicht den kürzesten Anreiseweg an diesem Donnerstag aber definitiv nicht den Längsten. Sänger und Gitarrist Andy Dormann ist gesundheitlich nicht ganz fit, wie er erwähnt und er mir tags darauf auch attestiert. Was man jedoch nicht wirklich anmerkt. Das Songmaterial unterscheidet sich als willkommener Farbtupfer in der Rockwelt. Ihr letztes Werk «Antiheroes» ist noch kein Jahr alt und ich habe damals schon in der Review geschrieben, dass es sich löblich vom Rest der Schweizer Szene abzuheben vermag. Nach wie vor überzeugt mich das Songmaterial. Mir fehlt jedoch der Fluss im Set wie es zuvor noch die Hard Buds geliefert haben. Dies ist jedoch dem Umstand geschuldet, dass Andy, wie bereits erwähnt, noch nicht ganz fit war und anfangs Woche noch in den Sternen stand, ob er überhaupt bis zum Gig genesen sei. Also lieber eine Redepause mehr einlegen, dafür die Energie in den Auftritt stecken, solange sie da ist, was auch gut gelingt. Andy hat sich übrigens kurzfristig entschieden, am Freitag ebenfalls ans Festival zu kommen, da ihm die Atmosphäre hier im Schopf gefällt. Dies ist auch gut so, denn, und jetzt greife ich zeitlich ein wenig vor, gab mir dies Gelegenheit noch ein kleines Detail aus meinem Facebook Post, den ich am Freitagmorgen platziert habe, mit ihm zu klären. D’Or schreiben auf ihrer Webseite, dass sie klar melodiös, unbedingt anmassend, die Klischees bedienen. Bei Humor wird kurz mit «du mich auch» geworben. Ich konnte an diesem Donnerstagabend relativ wenig mit ihrer Art von Humor umgehen. Andy konnte dies zwischen den Zeilen aus meinem Post rauslesen und ich bin echt froh darüber, konnten wir dies am Folgetag noch ausdiskutieren. Ich bleibe dabei, die Songs sind richtig gut, der Fluss hat gefehlt, was wie erwähnt der Gesundheit geschuldet ist und die abschliessende Sammy Hagar Coverversion war schlicht richtig geil.

Jetzt ist es aber Zeit für die Lokalmatadoren von Rock Out. Ich habe die Band vor einigen Jahren hier an dieser Stelle zum ersten Mal live gesehen. Seither eigentlich in regelmässigen Abständen immer wieder. Dabei die Entwicklung von der Hobby-Band zu einer sehr professionell agierenden Kombo ist beachtlich. Wie ich noch kurz vor dem Auftritt erfahre, sind Flopsi, David, Severin und Luca heute jedoch ein wenig nervös. Angeblich befindet sich im Publikum eine Person, welche die Band etwas genauer unter die Lupe nimmt. Dies ist aber überhaupt nicht spürbar. Die Emmentaler stürmen die Bühne und machen das, was sie am besten können. Einfach gnadenlos drauflosrocken. Rock Out ist mittlerweile eine gut eingespielte und aufeinander abgestimmte Band, die funktioniert wie ein gut geöltes Getriebe. Die früher schon fast ausufernden Ansagen von Flopsi, die jeweils immer sehr unterhaltsam sind, sind merklich reduziert, beschränken sich auf das Wesentliche, ohne an Unterhaltungswert zu verlieren. Dabei muss auch angemerkt werden, dass die Ansagen aber auch nicht an Spontanität verlieren. Bei vielen anderen Bands, auch an diesem Wochenende stehen auf der Setlist schon fast die kompletten Ansagen niedergeschrieben. Nicht so bei den Einheimischen die heute zum ersten Mal am Icerock den Headliner Slot belegen. Damit gewinnt eine Rock Out Show auch massiv an mehr Fluss und es rockt einfach wie Sau. Apropos Ansagen, immer sehr sympathisch auch wie er die Gäste aus Deutschland begrüsst, alleine dies ist jeweils ein Lacher wert. Emotional wird es bei «Tears Are The Rain», die Ansprache zum Song ist ernster als sonst und auch Flopsi gedenkt an Kaufi. «Tears Are The Rain», egal ob mit Keyboard-Begleitung oder ohne, ist und bleibt ein Höhepunkt und so schnell denke ich wird der Song auch nicht mehr aus der Setliste gestrichen werden. Die Band ist überwältigt vom Zuschaueraufmarsch an diesem Donnerstagabend, der Schopf ist wirklich gut gefüllt und die Resonanz des Publikums nach jedem einzelnen Song ist gewaltig. Ehrliches gut gespieltes unverfälschtes Handwerk verdient auch nichts Anderes. Die Zeit vergeht wie im Fluge und Rock Out biegen auf die Zielgerade ein, spielen ihren letzten Song. Natürlich schafft es Fridu und Lea sie für eine Zugabe zurückzuholen, auch wenn die Setliste bereits durchgespielt ist. Fridu meint aber, ohne «House Of The Rising Sun» könne er die Band nicht in die Nacht entlassen, auch wenn es noch ein paar Stunden gehen wird, bis die Sonne wieder aufgeht. Fridu will aber auch nachher nicht lockerlassen und versucht Flopsi zu überreden, seine Latzhose zu unterschreiben und am Merch zu versteigern. Flopsi um keinen Spruch verlegen, willigt ein, wenn Fridu seinen Pferdeschwanz opfert und diesen ebenfalls anbietet. Damit ist die Diskussion dann schnell beendet. Rock-Out haben aber wieder einen astreinen sauberen Gig ins Trockene gebracht und nur zufriedene Gesichter zurückgelassen.

Zweiter Festivaltag am Icerock ist traditionsgemäss bei mir verbunden mit gemütlichem Mittagessen im Bären mit Freunden. Da die Konzerte erst in den Abendstunden losgehen, habe ich genügend Zeit sogar die Bilder vom Vortag auszusortieren und einen Ersten (bereits erwähnten) sozialen Medieneintrag erstelle. Leider muss krankheitshalber noch die Band Points Of Conception kurzfristig absagen und die Organisatoren sind noch gefordert einen Ersatz zu finden. So ist der heutige Freitag mit zwei Abweichungen zum ursprünglichen Line-Up besetzt. Die erste «Ersatzband» spielt eröffnet sogleich auch den Abend. Chickenhouse springen für die krankheitshalber abwesenden Sweet Electric ein. Auffällig ist wie beim letzten Mal, als sie hier spielten, dass das Schlagzeug vorne am Bühnenrand platziert ist. Zudem scheint es doch recht überdimensioniert zu sein. Herr Icerock und Schlagzeuger Fridu erklärt mir die Grösse seines Arbeitsgerätes dabei so. Die eine Seite benötigt er, um die schnellen Songs zu spielen, die andere für die Balladen. Der Hühnerstall legt fulminant los und weiss von Anfang an zu begeistern. Sie erfüllen die Anheizerrolle am frühen Abend perfekt mit bluesgeschwängertem Rock. Bald wird mir aber auch klar, das Fridu bei den Balladen gar nicht die Seite des Schlagzeuges wechselt, sondern gleich mit dem Schellenring aufsteht und sich neben Bassist Burns Heiniger begibt und dort den Takt zusammen mit dem Tieftöner angibt. Es muss also etwas anderes sein, dass hier ein massives Schlagzeug auf der Bühne steht. Aber auch dieses Geheimnis wird bald gelüftet. Auf einmal steht nämlich Schwiegersohn Gregory Birrer neben ihm und die zwei dreschen gemeinsam auf die Felle ein, was für eine Show. Dabei entlockt Gitarrist Jim Bows weiterhin die Akkorde aus seinen sechs Saiten und in der Mitte gibt es währenddessen einen fliegenden Wechsel auf dem Schlagzeugsessel, ohne auch nur den Takt zu verlieren. Synchron spielen zwei Schlagzeuger unbeirrt weiter, als hätten sie dies schon immer so gemacht. Dabei wird um die Wette gegrinst, was das Zeugs hält. Irgendwann wann verlässt Sänger Andy Zaugg die Bühne in Richtung Publikum und lanciert eine Sightseeing – Polonäse durch den Schopf und erklärt wo hier was zu finden ist. Von der Bar zum Mischpult bis hin zum Eintrittsbereich und dem Hot Pot wird hier nichts ausgelassen. Damit sind schon einmal alle Anwesenden informiert, wo jetzt was zu finden ist und Chickenhouse haben ihren Job als Einheizer erfüllt und räumen die Bühne für die nächste Band.

Auf Voodoo Circle, die als nächstes an der Reihe sind, wartet man hier im Wasen nun schon ein paar Jahre. Der erste Versuch wurde vor zwei Jahren gestartet, dabei musste die Band kurzfristig aufgrund Krankheit absagen, was zum legendären Auftritt von Alex Beyrodt & Friends führte, der ganz klar in die Geschichte des Festivals eingegangen ist, genau wie vor Jahren der Solo-Auftritt von Damian Wilson (der so ganznebenbei für mich immer der Auftritt des Jahrhunderts darstellt). Nun ist es also so weit, Voodoo Circle, die zwar auch sowas wie Alex Beyrodt und Freunde darstellt steht auf der Bühne. Der Ur-Sänger David Readman ist seit ein paar Jahren wieder mit an Bord und Markus Kullmann ist sowas wie Alex’ Stammschlagzeuger geworden. Den Bass bedient jedoch statt Mat Sinner heute Alex Jansen. Ich kann mir vorstellen, seit dem Primal Fear Split wird dies in Zukunft so bleiben. In die Tasten haut der Tausendsassa Alessandro Del Vecchio. Gerade die beiden Letztgenannten sorgen während des Auftrittes immer wieder mit ihren gegenseitigen Neckereien für den einen oder anderen Schmunzler. Da haben sich Zwei gefunden. Alles in allem eine sehr runde Besetzung aus Top-Musikern, deren musikalisches Schaffen ich sehr schätze. Die Bühne gehört hauptsächlich David, ausser er zieht sich zurück und lässt den diversen Soli den Vorrang. Diese sind mir persönlich dann aber leider oftmals ein bisschen zu ausufernd, was aber ein rein persönliches Empfinden ist. Wer mich kennt weiss, dass ich kein grosser Fan bin von Solos, ausser sie sind innovativ. Es gibt für mich bis heute kein besseres Schlagzeugsolo als dieses eine Anders Johansson anfangs der 2000er Jahre bei HammerFall, als er Breaking The Law komplett mit Melodie spielte. Aber zurück zu Voodoo Circle. Der Auftritt ist solide die Songauswahl gut, ich hätte mir noch ein «Higher Love» gewünscht, welches für mich «der» Voodoo Circle Song überhaupt ist. Die Stimmung im Publikum war aber eher zurückhaltend, was eigentlich schade ist. Denn die Musiker waren durchwegs gut gelaunt und haben ihren Spass, vielleicht fehlt dem technisch ausgereiften Songmaterial die Durchschlagskraft. Ich geniesse den Auftritt in vollen Zügen ganz vorne am Bühnenrand und freue mich Voodoo Circle endlich wieder einmal live sehen zu können. Es ist ein echter Ohrenschmaus was da geboten wird und für Musikkenner ganz sicher der Höhepunkt am heutigen Abend.

Den Partyfaktor liefern jetzt aber Wig Wam ab, sie besitzen in ihrem Songmaterial die grossen Mitsing-Refrains. Im Vorfeld des Festivals habe ich auf den sozialen Medien gelesen, dass es dem Icerock an den grossen Acts fehle. ABER HALLO, was bitte schön ist grösser, als einen Teilnehmer des ESC-Songcontests in den Wasen locken zu können. Oder eine Band wie Voodoo Circle von vorhin, die gespickt ist mit Ausnahmemusiker. Tags darauf soll ja noch mit All For Metal eine Band folgen, die eigene Headliner Touren spielt. Keine Ahnung in welcher Welt diese Person lebt, aber was hier im hintersten Emmental abgeht, ist verdammt nochmal GROSSartig. An dieser Stelle ein riesiges Dankeschön an das komplette OK des Festivals für die Bemühungen, in jedem Jahr solch ein grandioses Festival zu organisieren. Mit Trond Holter hat Wig Wam zudem einen meiner absoluten Lieblingsgitarristen in ihren Reihen. Die nächsten 90 Minuten gehören nun jetzt aber den Norwegern, die sich bestimmt das Winterwetter, welche aktuell herrscht, aus ihrer Heimat gewöhnt ist. Åge Sten Nilsen, alias Glam, nimmt sofort die vorderste Kante der Bühne in Besitz und interagiert mit dem Publikum wie ein grosser Meister der Unterhaltungskunst. Ein Hit jagt den anderen und meine Stimme beginnt sich langsam aber sicher komplett zu verabschieden. Laut, leidenschaftlich und falsch singe ich mit, vergesse schon fast auch noch ein paar Fotos zu schiessen. Egal ob Forevermore, Never Say Die, In My Dreams, Do Ya Wanna Taste It oder Hard To Be A Rock’N’Roller, die Texte sitzen mehrheitlich ganz passabel. In der Vorbereitung auf das Festival habe ich auch vermehrt wieder genau diese Hymnen gehört. Immer wieder spricht Glam aber auch das aktuelle sehr verrückte Weltgeschehen an, vor allem der aktuelle Präsident der US of A kriegt sein Fett weg. Ich finde es toll, dass trotz hohem Partyfaktor, sich der Frontmann für das Geschehen auf dieser verrückten Kugel interessiert und dadurch auch eine Gedenkminute für die Opfer in Crans-Montana einlegt, heute ist schliesslich nationaler Gedenktag. Wig Wam waren noch nicht so oft in der Schweiz, ich meine die Rocknacht Tennwil im Jahre 2022 kam damals zu Premierenehre. Ich hoffe es werden noch viele Auftritte folgen. Aber auch Wig Wam kommen irgendwann an das Ende der Setliste, aber halt leider nicht, wenn Fridu und Lea auf die Bühne treten. Getreu dem Motto des Wochenendes «meh isch meh» wird Wig Wam wieder zurück auf die Bühne geholt. Was aber soll man noch spielen, wenn die Setliste schon durch ist? Beratende Worte wechseln sich unter den Musikern ab. Dann aber entscheidet man sich die Band zu huldigen, die massgeblich zur Gründung verantwortlich war und vielleicht sogar die erste Glam-Rock Band der Geschichte darstellt, Sweet. Es folgt eine nicht geprobte, hammergeil gespielte Version von Ballroom Blitz und der Schopf singt bis in den hintersten Winkel mit. Anders gesagt es herrscht die totale Eskalation. Dabei erzählt mit Åge kurze Zeit später, dass sie vor dem Auftritt ziemlich nervös waren aufgrund dessen, das Trond leicht erkrankt ist und sie einen neuen Keyboarder in der Band haben. Sorry Jungs, von Nervosität war nichts, aber auch gar nichts zu spüren. Das war ein sackstarker Auftritt, bei dem sich meine Stimme komplett verabschiedet hat und erst eine halbe Woche später wieder an Durchschlagskraft gewinnen konnte.

Nach der Umbaupause macht sich die zweite «Ersatzband» des Abends bereit. Kurz vor Mittagszeit hat das Icerock via soziale Medien informiert, dass die Metalcorer Points Of Conception leider aufgrund Krankheit kurzfristig ihren Auftritt absagen müssen. Schade, ich hätte die Österreicher gerne zum ersten Mal live gesehen, sollte halt leider nicht so sein. Aber man kann einen in Against The Machine eine richtig geile Alternative verpflichten. Die nächste Stunde kriegen wir jetzt also Rage Against The Machine Songs um die Ohren gehauen. Die Band spielt mit einer Spielfreude auf, es ist ein wahrer Genuss zuzuhören und zuzuschauen. Als ich dann die Fotos bei schwierigen Lichtverhältnissen auf der Speicherkarte habe, drehe ich mich dann auch einmal um. Was ist denn das bitte schön? Hinter mir herrscht eine unglaubliche geile Stimmung, da wird getanzt wie verrückt. Die Songs heizen also richtig schön ein an diesem Freitagabend. Der Rausschmeisser macht alles andere als die Leute rausschmeissen. Im Gegenteil, das technisch sehr versierte Quintett weiss zu begeistern und die Leute goutiert dies auch in dem sie vor der Bühne bleiben und Party machen. Ich bin nicht unbedingt die Person, die einem Veranstalter ins Programm reinspricht. An dieser Stelle muss ich aber erwähnen, dass es eine sehr geglückte Wahl ist, am Ende des Abends eine Coverband spielen zu lassen. Ich bin mir auch zu hundert Prozent sicher, dass Points Of Conception nicht die Menge an Publikum hätten vor der Bühne halten können, so sehr ich auch dem Metalcore verfallen bin, ich denke so objektiv muss ich bleiben. Danke der Orga aber auch an Against The Machine für diesen Abschluss des Abends, dies war sehr sehr geil.

Schon ist auch wieder Samstag und es steht der letzte Festivaltag an. Nachdem ich bei meiner AirBnB Gastgeberin ausgecheckt habe, gibt es erst einmal ein schmackhaftes Mittagessen mit Freunden im Bären in Sumiswald. Danach nehme ich wieder die zehn Minuten Fahrt unter die Räder. Ich möchte schliesslich unbedingt Magma Ocean live sehen. Modern Metal mit Metalcore Elementen sind schliesslich genau mein Ding zudem kenne ich den Fünfer schon vom UrRock Music Festival. Leider sind sie heute nur zu viert, Gitarrist Cyril ist heute nicht mit von der Party. Anschliessen an das Konzert klärt mich dann Claudio, der nun den gesamten Gitarrenpart zu übernehmen hat, über die Gründe der Abwesenheit auf. Trotz diesem Umstand hauen sie ein Brett raus, welches auch die letzte Müdigkeit vom Vorabend einfach mal so wegbläst. Das anfänglich vielleicht noch ein wenig verhaltene Publikum lässt sich schnell von der Spielfreude anstecken und drängen sich immer mehr in den vorderen Bereich. Sänger Harry lässt da seine beachtlichen Dreadlocks bei jeder Gelegenheit fliegen und sorgt so für einen kleinen Gefahrenbereich rund um seinen Aktionsbereich. Es ist also auch auf der Bühne für ordentlich «Action» gesorgt. Leider ist die Spielzeit viel zu schnell vorbei und die sympathische Schweizer Band mit englischer Verstärkung zieht sich zum verdienten Bier zurück.

Die nächste Band, Front Row Warriors, erlebe ich heute zum ersten Mal live. Ich habe zwar schon viel gelesen über die sechs Musiker, aber zu mehr als ab Konserve hat es für mich bisher nicht gereicht. Also bin ich gespannt was jetzt auf mich zukommt. Frauenpower ist angesagt zumindest am Mikrofon von Elkie Gee. Im Jahre 2023 konnten sie für ihr Debütalbum «Wheel Of Fortune» vom deutschen Rock & Pop Musikerverband den ersten Preis für das beste Hard Rock Album einheimsen. Im generellen sind ihre beiden bisher erschienen Alben mit durchwegs guter Kritik von der Fachpresse gewürdigt worden. Die Erwartungshaltung meinerseits ist dementsprechend natürlich gross und freue mich sie nun live zu erleben. Die Krieger der ersten Reihe kommen auch durchwegs sympathisch rüber und lächeln mir auch immer schön brav in die Kamera. Leider vermag mich aber die Band nicht wirklich abzuholen. Ich spreche hier aber nur für mich und wie jeder Bericht ist es auch immer nur ein Blickwinkel aus Sicht des Schreiberlings. Mir entgeht nicht, dass die Band den Grossteil des Publikums zu begeistern mag. Ich jedoch ziehe mich in den hinteren Teil des Festivals zurück und setze mich erst einmal mit einer Bratwurst vom Grill hin und lausche von dort eher beiläufig den Akkorden von der Bühne her. Bei einem Festival gehört es einfach dazu, dass einem nicht immer alles gefällt, so geht es mir jetzt gerade. Für mich ist es eher eintönig, nach dem gleichen Strickmuster komponiert und gespielt. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch von Magma Ocean mit Adrenalin vollgepumpt bin oder die Vorfreude auf die bald auftretenden Freunde von Voltage Arc.

Die Aargauer kommen nämlich als nächstes an die Reihe. Ich vermute aber, die vier unter Dauerstrom stehenden Jungs, hören lieber, dass sie aus Böju kommen, als sie gleich mit dem ganzen Kanton in Verbindung zu bringen. Ich werde dies bei nächster Gelegenheit einmal bei einer Prise Schnupftabak klären. Seit ich Merlin, Timon, Toni und Moritz zum ersten Mal live erlebt habe, habe ich sie in mein Herz geschlossen. Deshalb schreibt jetzt natürlich eine ordentliche Portion Fanbrille mit. Nur was soll ich noch schreiben, was ich nicht schon niedergeschrieben habe. Ach ja, vielleicht diese kleine Randnotiz. Voltage Arc haben eine richtig gute Fanbasis aufgebaut, mittlerweile sogar eine kleine Roadcrew, die ihnen die Bühne entsprechend vorbereiten. Heute funktioniert nicht alles nach Mass und ich erlebe, wie Drumsticks dazu missbraucht werden, Kippschalter umzulegen, an die man von Hand nicht hinkommt. Trotz aller Bemühungen wollen die in den Podesten eingebauten Nebelmaschinen ihren Dienst nicht vollbringen. Vielleicht sagen die sich, es schneit draussen, da wollen wir nicht auch noch Nebel. Davon lässt sich Voltage Arc jedoch nicht beirren. Grundsätzlich braucht ihre wilde Bühnenpräsenz keine solchen Spielereien. Zu «The Underground» stürmen sie nun die Bühne, wie immer in ihrem obligaten oben ohne Outfit und der Rest ist farblich auf die einzelne Person abgestimmt. Schon früh im Set serviert uns Heinz sein «Öpfelträumli», wer schon einmal ein Konzert von Voltage Arc gesehen hat, weiss was ich damit meine. Ungeschliffen und roh geht es zügig durch die Setliste. Dabei kommt das Schwyzerörgeli schon ungewohnt früh zum Einsatz. Man wartet also nicht mehr bis zu «Never Forget To Drink» mit dieser einzigartigen und in Rockkreisen nicht wirklich oft gesehenen Einlage. Übrigens habe ich schon einmal ein Video gesehen, da bedient Moritz den Kontrabass, es gibt also noch eine Ausbaustufe, Jungs. Ich fand den Auftritt wieder eine runde Sache, auch deshalb, weil Voltage Arc merklich und ansteckend Spass auf der Bühne haben. Spielfreude ist hier sichtlich der versteckte fünfte Musiker in der Band und dies nicht nur hier. Ich habe Voltage Arc nun schon einige Male live gesehen. Auf ganz kleinen Bühnen und auf ganz grossen Bühnen. Selten habe ich im Nachgang beim Aussortieren der Fotos so zu kämpfen, welche Momentaufnahme ich den nun behalten soll. Ich auf alle Fälle freue mich immer wieder auf jede Begegnung mit Ihnen.

Die Umbaupause geht wieder zügig von statten und auf einmal befindet sich das komplette OK des Icerocks auf der Bühne. Stimmt, da war doch vor ein paar Minuten ein Aufruf, dass sich die Mitglieder auf der Bühne einfinden müssen. Mittendrin ein verhülltes Objekt. Fridu macht in seiner einzigartigen und unverwechselbaren Ansprache seine Tochter Lea und Schwiegersohn Gregory zum Mittelpunkt. Beide haben diesen Sommer geheiratet und nun wird ein wunderschöner Holztisch vom Icerock an die beiden übergeben.

Weiter geht es mit der nächsten Schweizer Band. Ich als regelmässiger Gast in Saas-Fee, oft auch mehrmals jährlich, fühle mich Felskinn ebenfalls irgendwie verbunden. Vor einem Jahr war ich an der Comeback-Show und zwischenzeitlich hat die Band einige weitere Auftritte hinter sich gebracht. Und dies merkt man, die Band rund um Andy Portmann ist eingespielt und liefern ein Soundbrett was richtig richtig drückt. Richtig begeistert bin ich vom Bass-Sound von Tieftöner Kusi. Ich habe über das gesamte Festival bei keiner Band solch einen geilen Bass-Sound gehört. Es geht so weit, dass ich mit meinem Objektiv dann auch mal in die Richtung seines Equipments gezielt habe. Felskinn ist auf der 20 Jahre Jubiläumstour und spielt dadurch querbeet durch ihr musikalisches Schaffen. Selbst ein Song aus der guten alten Ain’t Dead Yet Zeit schafft es auf die abwechslungsreiche Setliste. Gleich mit dem ersten Song «Remember My Name» zeigt Felskinn wo der Bartli den Most herholt. Musikalisch wie auch stimmlich Heavy Rock auf dem höchsten Niveau und mit einer Leichtigkeit zum niederknien. Gitarrist Toni Watzinger ist auch heute einmal nicht nur Meister der sechs Saiten, nein auch im Grimassen schneiden, macht ihm da so schnell keiner was vor. Ich habe jetzt aber erst einmal Hunger und verziehe mich ein wenig nach hinten, um etwas zu futtern. Es kam schliesslich die Ansage, dass das Angebot reissenden Absatz findet und dieses deliziöses Braten- Sandwich muss einfach noch sein. Felskinn habe ich im vergangenen Jahr nun mehrmals gesehen und auch in diesem Jahr stehen sie noch mindestens zweimal auf der Liste, da werden es mir die Jungs verzeihen, dass ich nun nur noch mit halbem Ohr zuhöre.

Als vor ein paar Monaten das Icerock den Headliner für den Samstag angekündigt hat, habe ich nicht schlecht gestaunt und die Augen erst einmal ein wenig gerieben. All For Metal kommt in den Wasen. Sehr cool, passen die Krieger, die über Thor und Valhalla singen doch wunderbar in diese winterliche Umgebung. Zumal es mittlerweile doch ordentlich Schnee gibt. Die auf den Boden geklebte Setliste hat heute, so macht es mir zumindest den Eindruck, auch nicht zum ersten Mal die Bretter, die die Welt bedeuten gesehen und liest sich identisch mit der Setliste der im Herbst stattgefunden Battle Of Metal Tour 2025. Ich gebe es zu, ich freue mich ziemlich auf den Auftritt. Ich weiss nicht, wie ich meine Erwartungshaltung beschreiben soll, welche ich an den Tag lege. Einerseits freue ich mich auf die Band, die so ziemlich jedes Clichée zu bedienen vermag. Ich bin gewillt zu sagen, sie stellen so etwas wie die Manowar der aktuellen Zeit dar. Obwohl der muskelbepackte Oberkörper bei den Amerikanern nur auf der Plattenhülle steht und nicht auf der Bühne. Andererseits fand ich die letzte Platte nur noch etwas besser als Mittelmass. Die Freude über den bevorstehenden Auftritt überwiegt jedoch klar. Leider trübt sich diese dann aber relativ schnell. Eigentlich habe ich Sänger Antonio Calanna auf der Bühne erwartet. Ein Blick ins Facebook zeigt mir, dass Antonio ein paar Stunden zuvor noch ein schickes Foto im Anzug gepostet, mit dem Text «a new adventure starts». Was auch immer dies bedeutet, er wird heute durch Ivan Castelli von LionSoul ersetzt. Stimmlich mag er absolut gleich zu ziehen, von der Ausstrahlung her, fehlt mir da aber was zu seinem Landsmann. Aber dies ist nicht der einzige Wehrmutstropfen. Wo zum Henker ist Bassist Florian. Leider wird darüber kein Wort verloren und der Bass kommt somit ab Konserve. Trotz allem führt Chef-Krieger Tetzel souverän durch die Schlacht und das Gefolge am Icerock zieht mit ihm. Ich finde den Auftritt ganz okay, aber leider auch nicht mehr. Dies hat mehrere Gründe, das Fehlen von Florian ist einer davon, er ist der Aktivposten in der Band. Das auf der aufgeklebten Setliste erwähnte Bass Solo entfällt, wird glücklicherweise nicht ab Konserve gespielt. Fabiola, die neue Gitarristin, ist sicherlich gut und hat sich gut integriert. Den Vergleich zu ihrer Vorgängerin Jasmin kann sie aber (noch) nicht standhalten, sie ist ein anderes Kaliber von Rampensau. Betreffend Antonio habe ich auch schon geschrieben. Letztlich engagiert man aber auch eine Band der Songs wegen und die finden heute durchaus ihre Zuhörer. All For Metal schaffen es, dass bis zum Mischpult nach hinten die Fäuste in die Höhe gehalten werden. Für mich, der die Band schon mehrfach gesehen hat, bekam die Band heute einen starken Projektcharakter einer Reisbrettband als eine verschworene Truppe Musiker (Freunde) die ihren Spass haben, wie es zum Beispiel heute Voltage Arc zeigten.

Eine letzte Umbaupause und das Icerock 2026 ist Geschichte. Ich beobachte das emsige Treiben schon einmal von ganz vorne an der Bühne, dabei scheint mir gerade Angelo ein wenig nervös zu sein. Der Gute spielt live Dudelsack, Gitarre, Banjo, Mandoline und singt auch noch, da kommt schon etwas zusammen, dass man in einer halben Stunde herzurichten hat. Ich denke der Jack Daniels, welcher den Italienern gereicht wird, kommt bestimmt gerade zum richtigen Zeitpunkt. The Clan so nennt sich die Folk n’Roll Band die mit ihren keltisch irischen Hymnen, jedes Festgelände in eine Partymeile verwandeln, durften bereits im letzten Jahr das Schlusslicht markieren. Da ich heute noch Hause fahren werden und die Schneeverhältnisse sich mittlerweile verschärft haben, beschliesse ich, nicht bis zum Schluss zu bleiben. Die ersten zwanzig Minuten lasse ich mich jedoch anstecken und hüpfe, springe irgendwie mit und versuche dabei noch das eine oder andere Foto zu machen.

Einmal mehr erlebte ich drei wundervolle Tage hier in Wasen im Emmental. Wie erwartet gab es wieder ein Treffen mit vielen altbekannten Gesichtern. Die Bandauswahl empfand ich als sehr gelungen und die Organisatoren schaffen den Spagat, zwischen den Stilrichtungen wie auch zwischen Altbekanntem und Newcomern. Zeigen, dass es in der Schweiz genügend musikalisches Potential hat. Das mir dabei nicht immer alles gefällt liegt in der Natur der Sache, Musik ist schliesslich Geschmacksache. Was ich auch supergut finde, ist die Tatsache, dass am Donnerstag neu nur drei Bands gespielt haben. Wer am Freitag arbeiten muss, hat so die Gelegenheit ohne grosse Übermüdung am anderen Tag auf der Arbeit zu erscheinen. Grosses Lob auch an die vielen Helfer, die hier jedes Jahr das eigentlich Unmögliche möglich machen. Wer im Sommer schon einmal hier war und die Örtlichkeiten gesehen hat, weiss was hier für Aufwände betrieben werden, damit die Festivalgänger ein paar unbeschwerte Tage feiern können. Das Datum für nächstes Jahr wurde noch nicht bekannt gegeben werden, wird aber sicherlich schon bald genannt werden. Meine Unterkunft ist auf jeden Fall bereits wieder reserviert und somit steht auch mein nächster Besuch im Emmental schon fest.