Wenn die Konzertplanung ein Package aus dem dreckigen Old-School-Metal von Venom Inc. und dem tonnenschweren Riff-Gewitter von Black Label Society vorsieht, dann weiss ich als Metal-Fan, dass kein gewöhnlicher Abend bevorsteht. Das Z7 steht seit Jahrzehnten für unvergessliche Nächte, ehrlichen Sound und eine Fankultur, die ihresgleichen sucht. An diesem denkwürdigen Abend jedoch verwandelt sich die Kult-Halle für mich in die wohl lauteste Sauna der Schweiz. Schon vor dem ersten Gitarrenton steht die feuchte Luft schwer im Raum, und mit fortschreitender Spieldauer steigen sowohl die Dezibel-Zahl als auch die Temperaturen in schweisstreibende, fast tropische Höhen. Doch genau diese extreme, intensive Kulisse erweist sich als der perfekte, unbarmherzige Nährboden für ein Metal-Ritual, das mir und allen anderen Anwesenden alles abverlangt. Deshalb bin ich auch der Z7 – Crew sowas von dankbar, dass sie einen Monster Ventilator in den Fotograben gerichtet haben. Davon geniesse ich auch nach dem Fotografieren den einen oder andern Luftzug. Da sich meine Frau und meine Sohn, beides glühende Verehrer von Zakk Wylde, gleich ganz zuvorderst aufgestellt haben und ich mich danach zu ihnen gesellen werde. Auch das ich heute fotografieren darf ist wohl nicht selbstverständlich. Bereits im Vorfeld wurde ich darauf hingewiesen, dass allenfalls keine Fotos gemacht werden dürfen. Kollege Christian von www.diebuehrers.com (schaut einmal dort vorbei, seine Bildmaterial ist jeweils mehr als sehenswert) sagt mir dann auch, dass es das erste Mal ist, dass sich Zakk hier im Z7 fotografieren lässt. Somit hat das Konzert gleich noch einen höheren Stellenwert als sonst schon.
Venom Inc.: Ein hochexplosiver Abriss aus Dreck, Speed und purem Metal-Erbe
Pünktlich machen sich Venom Inc. bereit, die Bühne zu entern. Mir ist sofort klar: Heute gibt es kein höfliches, dezentes Aufwärmprogramm. Das Trio präsentiert sich als die pure, ungezähmte Inkarnation von Old-School-Extremität: schmutzig, verdammt schnell, satanisch im Ton und stolz darauf, absolut rau und unpoliert am Bühnenrand zu agieren. Vom allerersten Ton des Openers «Ave Satanas» an machen die Herren unmissverständlich klar, dass sie sich nicht wie eine typische Vorband verhalten werden. Es gleicht vielmehr einer feindlichen Übernahme der gesamten Halle und Rücksicht auf Verluste. Headbanging wird ab der ersten Sekunde trotz Schweinehitze zur Pflicht für den gesamten Club. Bemerkenswert ist, dass sich die Band keineswegs darauf ausruht, als reine Nostalgie-Nummer der alten Venom-Tage zu fungieren. Stattdessen setzen sie auf ein unbarmherziges, kompaktes Set, das ihr eigenes, neueres Material gebührend in den Fokus rückt, ohne dabei an Durchschlagskraft einzubüssen. Nacheinander peitschen Songs wie «War», «There’s Only Black», und weitere Kracher durch die dicke, feuchte Luft. Ich habe die Briten vor ein paar Jahren live erlebt und habe sie ehrlich gesagt nicht weiter beachtet. Heute aber liefern sie eine echte Machtdemonstration ab. Ein absoluter emotionaler Höhepunkt des Sets ist für mich die Darbietung von «The Hammer», ein brachial gespieltes Motörhead-Cover, das als Tribut an den unvergessenen, kürzlich verstorbenen Phil Campbell abgefeuert wird und donnernde, ohrenbetäubende Jubelstürme der Z7-Gemeinde erntet. Im Epizentrum dieses Infernos steht Frontmann Tony „Demolition Man“ Dolan an der linken Seite. Mit der unumstösslichen Aura eines absoluten Genreveterans bellte er seine Zeilen ins Mikrofon in bester Lemmy Manier und dirigiert die Menge mit einer Präsenz, die genau versteht, was diese Musik braucht. Flankiert wird er von Curran „Beleth“ Murphys Gitarrenarbeit, seine jagen nur so durch das Z7 und nach draussen, da man glücklicherweise die Tore sperrangelweit offengelassen hat. Dabei wirbelt er immer wieder seine Dreadlocks im Takt. Etwas näher am Bühnenrand und kreisend, würde dies ein veritabler Ventilator abgeben.
Black Label Society: Das tonnenschwere Gitarren-Ritual
Nach einer kurzen Umbaupause, in der ich vergeblich versuche, der stehenden Hitze im Club irgendwie Herr zu werden, ist es Zeit für den Headliner. Das Z7 ist mittlerweile bis zum Bersten gefüllt, und die kollektive Erwartungshaltung hat den absoluten Zenit erreicht. Selbst vor den geöffneten Toren stehen die Fans auf den Zehenspitzen um auf die Bühne zu sehen und ganz nebenbei werden die vorzüglichen Friten und Würste verspiesen. Als die Lichter erlöschen, wird mir schnell klar: Black Label Society spielen an diesem Abend nicht einfach nur ein Konzert, Zakk Wylde und seine doom-geladene Bruderschaft zelebrieren ein gigantisches, ohrenbetäubendes Ritual. Es ist eine explosive Mischung aus einem rauen Biker-Gottesdienst, einer tiefen Südstaaten Metal Totenwache und dem ultimativer ultimativen Demonstration eines Hexers an den fast nach jedem Song gewechselten Gitarre, egal ob doppelhalsig oder nur auf einem Griffbrett.
Schon beim Ertönen des epischen Mash-Up «Whole Lotta Sabbath» kippte die ohnehin aufgeheizte Stimmung der wartenden Menge um mich herum augenblicklich von nervöser Vorfreude in eine feierliche, fast religiöse Andacht um. Ist halt echt ein geiler Mix Led Zeppelin und Black Sabbath vereint in einem Song. Ohne Vorwarnung und ohne lange Federlesens donnert die Band mit dem wuchtigen Opener «Funeral Bell» los, direkt gefolgt vom peitschenden «Name in Blood». Damit ist die musikalische Marschroute der BLS-Dampfwalze unmissverständlich zementiert, mörderisch schwere Gitarrenwände, eine Rhythmussektion, die wie massiver Stahlbeton mauert, und Zakk Wylde im absoluten Zentrum des Scheinwerferlichts. Wylde steht da wie ein nordischer Biker-Gott, der die berüchtigten Pinch Harmonics für sich entdeckt hat. Diese werden erzeugt, indem man eine Saite mit dem Plektrum anschlägt und unmittelbar danach, in einer einzigen schnellen Bewegung, die Saite ganz leicht mit dem Daumen der Anschlaghand berührt, soviel zur Theorie.
Was ich und die Schweizer Fans in der Folge serviert bekommen, ist alles andere als eine glattgebügelte, sterile Best-Of-Show. BLS gehören nicht zu den Bands, die ihre Ecken und Kanten abschleifen. Die Setlist bietet einen grandiosen Querschnitt aus alten Klassikern und neuerem Material. Tracks wie «Destroy & Conquer», «Heart of Darkness» und das majestätische «The Blessed Hellride» machen deutlich, wie perfekt die Truppe ihre ureigene Balance aus tonnenschwerer Doom-Heaviness und packenden, mitsingbaren Melodien beherrscht.
Das unbestrittene Herzstück des Abends gehört natürlich der Performance von Zakk Wylde selbst. Mit seinem mächtigen Bart, der unerschütterlichen Wikinger-Pose im Schottenrock, den legendären Target-Gitarren und der theatralischen Übersteigerung eines jeden einzelnen Solos hat er für mich Helden-Status erreicht und ich verstehe meinen Sohn, wie er zu Hause, in den vergangenen Wochen, uns täglich mit BLS-Songs torpediert. Wyldes exzessives Spiel funktioniert deshalb so brillant, weil es zu einhundert Prozent aufrichtig und von tiefster Seele getrieben ist. Sein Gitarrenspiel sucht nicht nach subtiler Eleganz; es ist vulkanisch, hingebungsvoll und schlichtweg atemberaubend.
Ein zutiefst emotionaler Schwerpunkt der Show ist untrennbar mit Zakks reicher Historie als langjähriger Weggefährte und Gitarrist von Ozzy Osbourne verknüpft. Die Darbietung des Klassikers «No More Tears» transformiert das Z7 augenblicklich in einen gewaltigen Fanchor, in dem auch ich aus voller Kehle mitsinge, während ich zur Theke laufe um für den Flüssigkeitshaushalt zu sorgen. Später am Abend setzt «Ozzy’s Song» einen zutiefst ehrlichen Akzent. Zakk lässt seine Gitarre förmlich für seinen alten «Boss» weinen und liefert ein markerschütterndes Solo ab, das frei von jeglichem kommerziellen Kalkül wirkt und stattdessen von echter, tiefer Verbundenheit zeugt, während Ozzy vom grossen Backdrop über das Z7 wacht.
Nach diesem emotionalen Wellental tritt die Band das Gaspedal jedoch sofort wieder durch das Bodenblech. Angetrieben von einer absolut perfekt harmonierenden Live-Besetzung steuert das Konzert auf sein unaufhaltsames Finale zu. Bassist John DeServio pumpt die Riffs mit einem unfassbar tiefen, drückenden Fundament in meine Magengrube, während Jeff Fabb an den Drums mit stoischer Präzision dafür sorgt, dass der zähflüssige Doom-Groove niemals in Richtung Schlamm kollabierte. Dario Lorina an der zweiten Gitarre liefert derweil die dringend benötigte, messerscharfe Symmetrie und harmonische Schärfe zu Wyldes exzessiven Ausflügen. Mit der finalen, alles niederwalzenden Hymne „Stillborn“ setzen Black Label Society den ultimativen Schlusspunkt unter eine Nacht, die im Zeichen von purer Leidenschaft, exzellenter Musikalität und der unbändigen Kraft des Heavy Metals steht.
Zusammen mit dem räudigen, energiegeladenen Vorprogramm von Venom Inc. ist dieser Abend für mich ein absoluter Triumphzug der kompromisslosen Härte. Das Z7 macht an diesem geschichtsträchtigen Abend seinem Ruf als absolute Metal-Institution alle Ehre, auch wenn ich für ein paar Stunden in der wohl heißesten und lautesten Sauna des Landes geschwitzt habe!