Das Jahr 2021 bietet für mich echt eine Überraschung nach dem anderen im Besetzungskarussell einiger meiner Lieblingsbands. Erst verlässt Marko Hietala Nightwish, dann werden alle Mitglieder von Delain vor die Tür gesetzt. Nun kommt die nächste Meldung aus dem Lager meiner Lieblingsschwaben Kissin’ Dynamite. Kissin’ Dynamite haben erst vor wenigen Wochen einen neuen Plattenvertrag mit Napalm Records unterschrieben und auch die Booking Agentur gewechselt (zu Cobra Agency). Jetzt verlässt Schlagzeuger und Gründungsmitglied Andi Schnitzer nach knapp 20 Jahren die Band. Andi, dessen Klingelton vom Handy der Band einst zum Namen verhalf. Was Andi dazu zu sagen hat, konnte man auf ihrer offiziellen Webseite entnehmen oder ihr könnt es hier in voller Länge nachlesen.

Hallo zusammen,
hiermit verkünde ich, dass ich nicht länger Teil von Kissin’ Dynamite bin. Ich habe die Band vor wenigen Wochen verlassen.

Bevor ich zur Begründung meiner Entscheidung komme, möchte ich zunächst meine Wertschätzung darüber ausdrücken, dass unser Auseinandergehen von einer respektvollen Atmosphäre geprägt war.

Was den Grund meines Gehens betrifft, kann ich schlicht und ergreifend nur sagen, dass ich mir klar gemacht habe, dass wir uns im Lauf der Zeit leider zu sehr auseinanderentwickelt haben und am Ende nicht mehr die gleiche Sprache gesprochen hatten, auch was Grundsätzlichkeiten betrifft. Daher habe ich im Frieden mit mir und den Jungs diese Konsequenz gezogen.

Dennoch blicke ich in aller Dankbarkeit und ohne jede Reue zurück auf einen wilden Ritt, der vor ziemlich genau 20 Jahren mit Jim auf ein paar alten Holzbänken unseres Schulhofes begann und der mich über hunterte Bühnen in etlichen Ländern der Erde führte, um vor Tausenden von Menschen zu spielen. Ich hatte das Privileg, viele erhabene Momente erleben zu dürfen, tolle Leute zu treffen und aufregende Orte zu sehen. Und das alles kostenlos!
Danke an dieser Stelle im Speziellen und ausdrücklich an Jomi und die gesamte KD – Crew. Euer Idealismus, euer Einsatz und eure Treue über all die Jahre waren über jeden Zweifel erhaben!

Natürlich gilt mein Dank ebenso allen Fans. Wir hatten headbangende, ohrenbetäubende, schweißtropfende, small- und deeptalkende, fotomachende, autogrammschreibende, biertrinkende, … schlicht geile Stunden zusammen und mir wird’s warm um’s Herz wenn ich mich daran zurückerinnere!
Was mich betrifft: Ich bin mir sicher, früher oder später wieder in einer Band zu trommeln. Ich schätze, ich kann garnicht anders. 😉
Bis dahin werde ich die Zeit unter anderem nutzen, um ein Buch zu veröffentlichen, das ich in den letzten anderthalb Jahren mit viel Herzblut geschrieben habe. Es wird definitiv ein Rock n Roll Buch, aber nicht nur…

Folgendes möchte ich abschließend noch sagen:
Es steht außer Frage, dass der Rock ‘n’ Roll im Allgemeinen seit vielen Jahren und im Speziellen seit Corona eine beinharte Zeit durchmacht. Wer um sich herum schaut, muss unweigerlich den folgenden Wahrheiten ins Gesicht schauen:
Eine Rock Ikone nach der anderen verabschiedet sich aus ganz natürlichen Gründen von dieser Welt. Musik wird derweil immer weniger wert, sodass diejenigen, die sie machen, nichts mehr daran verdienen. Zudem zwingt Corona teils legendäre Clubs in die Knie und nimmt Bands das Letzte, was ihnen noch geblieben war: Live zu spielen. Selbst Gene Simmons lässt verlauten, dass der Rock offiziell tot sei und beklagt, vielleicht nicht ganz grundlos, dass es aufgrund der verqueren Lage seit den Foo Fighters keine wirklich ikonischen Bands mehr gegeben hat.

Und ja – Alledem ist auf den ersten Blick tatsächlich auch nicht wirklich viel entgegenzusetzen. Und vielleicht auch nicht einmal auf den zweiten oder dritten. Doch bin ich der Meinung, dass es bei Rock ‘n’ Roll garnicht darum geht, um sich herum zu schauen.
Für mich heißt es schlicht, nach innen zu schauen, um sich so ganz unnostalgisch daran zu er- innern, dass Rock ‘n’ Roll ursprünglich (und) zeitlos war. Und damit ist. Und sein wird. Natürlich…
Und vielleicht möchte uns die missliche Lage, in der die (Musik-)Welt gerade steckt, ja auch einfach nur wieder regelrecht in genau diese unbezahlbare Er-innerung zwingen, auch wenn’s erst mal weh tut. Vielleicht ist sie nur dazu da, um uns aufzuzeigen, dass die Essenz von Rock ‘n’ Roll noch nie etwas mit irgendwelchen äußeren Bedingungen zu tun gehabt hatte. Weder mit zeitlichen, noch mit räumlichen, noch mit musikalischen. Dass Beethoven nicht mehr oder weniger Eier hatte als Keith Richards, Dave Grohl oder Lady Gaga. Und dass ein Zwölfjähriger, der während des Lockdowns ein Youtube Video eines Konzertes anschaut und dabei erhebende Glücksgefühle empfindet, in diesem Moment tatsächlich nicht weniger die Essenz lebt als jemand, der vor tausenden Leuten auf einer Bühne steht.
Und vielleicht könnte uns so Stück für Stück wieder etwas klarer werden, dass Rock ‘n’ Roll niemals etwas anderes gewesen war als ein bedingungsloses Lebensgefühl der Freiheit und daher unmöglich sterben kann. Erst recht nicht, wenn die Welt gerade unterzugehen scheint.
Jim, Steffen, Ande und Hannes: Ich wünsche euch von Herzen alles Gute!

For those about to Rock… … I salute you.

Andi

Anzumerken ist, es ist dies der erste Besetzungswechsel innerhalb der Band in deren langjährigen Bandgeschichte.