Gott sei Dank habe ich gegen Ende der Woche endlich einmal Ferien. Zwar nicht, was meinen vollgepackten Konzert- und Festivalkalender angeht, aber zumindest von meinem eigentlichen Brötchengeber, meiner regulären Festanstellung. Die letzten Wochen fordern ohnehin ihren Tribut, die Konzertfrequenz ist extrem hoch und ich hinke mit dem Bearbeiten der Fotos noch ein wenig hinterher. Aber was soll ich machen? Zurzeit überrollen uns einfach enorm geile Bands in der Schweiz. Heute steht allerdings ein ganz besonderes Highlight auf meinem Programm, einer meiner absoluten Allzeit-Favoriten, der einzigartige Alice Cooper. Ich schwebe immer noch auf Wolke sieben, weil ich vor ein paar Tagen meine offizielle Fotoakkreditierung entgegennehmen durfte. Heute kann ich den Altmeister des Schock-Rocks also endlich auf meiner eigenen Speicherkarte verewigen. Selbst die Anreise durch den berüchtigten Zürcher Feierabendverkehr verläuft überraschend entspannt. Ich treffe mehr als pünktlich mit meinem Sohnemann vor der Halle ein. Einem gelungenen Abend steht somit nichts im Wege, vorerst.
Direkt am Eingang laufen mir auch schon die Kollegen Rönu und Tinu von Metal Factory über den Weg. An dieser Stelle muss ich kurz eine absolute Herzensempfehlung loswerden: Hört und schaut euch unbedingt den Podcast beiden Metalfactorianer Tinu und Oli an! Mit ihrer wöchentlichen Ausstrahlung auf YouTube von Churz & Knackig stehlen sie mir mittlerweile regelmässig wertvolle Minuten meiner ohnehin knappen Freizeit. Das ist ein absolutes Pflichtabo für jeden Rockfan.
Wir bahnen uns den Weg ins Innere der Halle. Es bleibt noch mehr als genug Zeit, bis der Meister um Punkt 21:10 Uhr den Vorhang des Grauens wird fallen lassen. Normalerweise überbrückt man die ruhende Stille bis zum offiziellen Rahmenprogramm in fast jedem Musiktempel mit einer soliden Playlist aus der Konserve. Bis dann eine, oder auch zwei, Vorbands die Stimmung anheizen, damit das Publikum bis zum Headliner schon einmal vorgeglüht ist. Bei meinen früheren Alice-Cooper-Konzerten waren da immer richtig geile Live-Bands im Vorprogramm. Ich denke da wehmütig an Kracher wie Britny Fox (nachher nie wieder live gesehen, göttlich), Great White, The Almighty oder die Brides Of Destruction (mit Nikki Sixx und Tracii Guns) zurück. Und heute? Heute lese ich auf dem Flyer, dass das Vorprogramm von einer gewissen Rosettli bestritten wird. Sagt mir absolut gar nichts. Also muss Google herhalten. Was ich da erfahre, lässt mir das Blut in den Adern gefrieren: Es handelt sich um eine DJane aus Zürich. Gut, ich versuche offen zu bleiben. Kann man ja mal machen, es gibt schliesslich verdammt gute Plattendreher, die eine Halle so richtig anheizen können. Was kommt ist jedoch ein historischer Tiefpunkt in meiner Konzertbesucherkarriere. Was diese Dame da oben allerdings abliefert, ist komplett für die Rosette, auf gut Deutsch, absolut für den Arsch. Ich habe in meiner gesamten Konzertgänger-Karriere selten, nein, noch gar nie, so ein unfassbar schlechtes Vorprogramm erlebt. Selbst damals bei Midge Ure von Ultravox stand mit Esmeralda (ich glaub so hiess sie) wenigstens noch eine echte Musikerin auf der Bühne.
Das hier und jetzt ist die reinste Verschwendung von Gage. DJane Rosettli ist die Lustlosigkeit in Perfektion, Da oben steht jemand und liefert ein absolut einfallsloses Set ab. Ein Song nach dem anderen klatscht lieblos aus der Konserve. Alles mit Null Entertainer-Qualitäten, kein einziges Wort wird an das Publikum gerichtet. Keine Emotionen, kein Funke, der überspringt. Es wirkt fast so, als sei es ihr unangenehm, im Scheinwerferlicht zu stehen. Stattdessen fingert sie lieber gelangweilt an ihrem Smartphone herum. Ich muss unwillkürlich an das Intro vor ein paar Tagen bei der Black Label Society denken. Deren Intro-Mash-up Whole Lotta Sabbath hatte in mickrigen vier Minuten mehr Inhalt, Seele und Stimmung verpackt als dieses nie enden wollende, sinnlose Gedösel, das ich mir hier gerade antun muss.
Ehrlich, Good News, was habt ihr euch dabei gedacht? Wir haben in der Schweiz so unglaublich viele talentierte, hungrige Rock- und Metal-Bands, die es absolut gefeiert hätten, hier auf dieser Bühne zu stehen und sich den Arsch aufzureissen! Da hättet ihr im Vergleich zu dieser Performance wirklich lieber einfach die Standard-Spotify-Playlist im Hintergrund laufen lassen können. Oder noch besser, lasst den Meister Alice einfach direkt ganz alleine auftreten.
Zum Glück hat auch diese schmerzhafte Erfahrung irgendwann einmal ein Ende. Schwenken wir doch rüber zum eigentlichen Grund, weshalb ich heute hier bin, zu Alice Cooper. Es gibt Konzerte, die man nach wenigen Tagen wieder vergisst, und es gibt jene Abende, die sich tief in das musikalische Gedächtnis einbrennen. Der 15. Oktober 1991 zählt zu diesen Abenden. Damals spielte Alice Cooper im Rahmen seiner Hey Stoopid Tour im Hallenstadion. Ich arbeitete damals im Schichtbetrieb und flog entsprechend über die Strasse nach Hause, da ich um 04:00h wieder aus den Federn musste. Es gab dann ein schlechtes Foto von mir und meinem Nummernschild, was dann auch noch 250.- kostete. Dafür habe ich damals Stef Burns an der Gitarre live erlebt, was es wert war. Heute stehe ich gemeinsam mit einigen tausend Gleichgesinnten in The Hall in Dübendorf, um einen Mann zu sehen, der das Genre des Shock-Rock nicht nur erfunden, sondern über Jahrzehnte hinweg perfektioniert hat. Für mich ist dieser Abend weit mehr als nur ein gewöhnlicher Konzertbesuch. Seit dem Jahr 1986 und der Veröffentlichung des Albums Constrictor bin ich diesem Meister der finsteren Theaterkunst bedingungslos verfallen. Und dies eigentlich nur wegen dem Disco-Stampfer und Soundtrack Song He’s Back (The Man Behind The Mask). Mit der Kamera fest im Griff und der Vorfreude im Nacken stehe ich nun im Fotograben, bereit, die visuelle und akustische Urgewalt einzufangen, die mich hier hoffentlich gleich überrollen wird. Etwas anderes erwarte ich eigentlich gar nicht.
Als das Licht schlagartig erlischt, der Vorhang fällt und den Blick auf die grosse Video-Leinwand freigibt, wird sofort klar: Alice Cooper ist mit seinen sage und schreibe 78 Jahren immer noch brutal gut in Form. Wer vermutet hätte, dass der Altmeister im gehobenen Alter einen Gang zurückschaltet oder gar altersmüde wirkt, wird binnen der ersten Sekunden eines Besseren belehrt. Er soll ja auch immer noch jeden Tag auf einem Golfplatz anzutreffen sein. Die physische Präsenz, mit der er die Bühne betritt, ist schlichtweg atemberaubend und stellt so manche halb so alte Rockband mühelos in den Schatten. Noch beeindruckender ist jedoch seine stimmliche Verfassung. Jeder Schrei, jedes diabolische Fauchen und jede melodische Zeile dringen so messerscharf und originalgetreu aus den Boxen, als hätte sich die Zeit seit den glorreichen Achtzigern geweigert, auch nur eine Sekunde weiterzulaufen. Begleitet von einer mörderisch tight eingespielten Band rollt eine Lawine aus harten Riffs über das Publikum hinweg. Kein Song weicht von der perfekt ausbalancierten Setliste (die wir sogar vorab zu Gesicht bekommen) ab, was dem gesamten Abend den Charakter einer makellos inszenierten Rock-Oper verleiht mit Best-Of Charakter verleiht. Ein Hit jagt den Anderen, die Songauswahl berücksichtigt zwölf seiner 22 Studioalben, 22 Songs dicht gepackt in 90 Minuten Spielzeit.
Was diese Performance jedoch von jeder herkömmlichen Rockshow unterscheidet, ist die eiskalte, schauspielerische Konsequenz des Protagonisten. Alice Cooper zieht seine schaurig-schöne Scharade ohne jeglichen Kompromiss durch: Bis zum absoluten Finale spricht er kein einziges Wort zum Publikum. Keine Begrüssungen, kein banaler Smalltalk zwischen den Songs, keine Plattitüden, er lässt nur die Musik sprechen, welche passend auf der grossen Videoleinwand visuell begleitet wird . Diese bewusste Verweigerung der direkten Kommunikation zieht das Publikum nur noch tiefer in den Bann seiner Albtraumwelt. Jeder Song steht für sich und geht nahtlos in das nächste schauspielerische Meisterwerk über. Die visuelle Inszenierung ist ein Fest für jeden Konzertfotografen. Während der epischen Hymne Hey Stoopid schleicht plötzlich ein vermeintlich aufdringlicher Fotograf über die Bühne, der die Bandmitglieder mit seiner Linse bedrängt und das Geschehen stört. Alice fackelt nicht lange: Mit einem hämischen Grinsen im Gesicht zieht er eine Klinge und ersticht den Fotografen mitten im Song als perfekt inszeniertes Showelement, ein herrlich ironischer Moment, zum Glück mussten wir nach House Of Fire aus dem Fotograben, wer weiss was Alice mit uns angestellt hätte. Wer denkt, dass das Spektakel danach abflacht, irrt gewaltig. Zu den Klängen von Feed My Frankenstein mutiert die Bühne endgültig zum Labor eines verrückten Wissenschaftlers. Plötzlich stampft ein gigantisches, meterhohes Frankenstein-Monster im Scheinwerferlicht umher, dessen gewaltige Ausmasse die Musiker fast winzig wirken lassen. Ein optischer Leckerbissen, der die nostalgische Verbindung zu den glorreichen Videos der MTV-Ära perfekt aufleben lässt.
Die theatralische Grausamkeit kennt an diesem Abend keine Grenzen. Bei der Ballad Of Dwight Fry kauert Alice Cooper in der Zwangsjacke am Bühnenrand und gibt sich als Entfesslungskünstler à la Houdini. Zu Cold Ethyl wirbelt eine Tänzerin über die Bühne, die er im Verlauf der Show, zu einem späteren Zeitpunkt, ebenfalls noch umbringen wird. Natürlich erst nachdem sie ihn zur Guillotine geführt hat. Dort wird ihm, faszinierend wie eh und je, der Kopf fachgerecht vom Rest des Körpers getrennt. Der Kopf rollt, und die eben noch auferstandene Tänzerin präsentiert das abgeschlagene, bluttriefende Haupt des Meisters triumphierend dem johlenden und frenetisch feiernden Dübendorfer Publikum. Dieses Showelement feierte 1973 seine Premiere, hat bis heute aber nichts von seiner Faszination eingebüsst. Geschaffen wurde es vom Zauberer James Randi, der anfangs sogar auf der Tour den Henker mimte.
Als der unsterbliche Klassiker School’s Out, absolut genial verwoben mit Pink Floyds Another Brick in the Wall, die absolute Ekstase in der Halle einläutet, explodiert die Szenerie vollends. Riesige, mit Konfetti gefüllte Ballone fliegen von allen Seiten in die Menge. Das Publikum wirft sich die farbigen Kugeln gegenseitig zu, bis Alice Cooper bewaffnet mit einem funkelnden Säbel an den Bühnenrand tritt. Mit gezielten Hieben sticht er die Ballone nacheinander auf, woraufhin ein glitzernder Konfettiregen auf die vorderen Reihen niedergeht. Jetzt erst verlangt Alice mit seinen erstmals ans Publikum gerichteten Stimme, alle Fäuste auszustrecken. Es sind nur ein paar kurze Worte, die jedoch Wirkung zeigen. Sichtlich bewegt von den Reaktionen stellt er uns nacheinander seine hochkarätige Band vor, die diesen Abend musikalisch auf ein absolutes Weltklasse-Niveau gehoben hat.
Da ist der smarte Rock-Veteran Ryan Roxie an der Gitarre, der mit seinen technisch hochanspruchsvollen Soli und seinem unverkennbaren coolen Auftreten das klassische, druckvolle Fundament des Cooper-Sounds sichert. Direkt daneben steht Tommy Henriksen, dessen unermüdliche Energie an der Rhythmusgitarre die Songs nach vorne peitscht und der den gesamten Abend über extrem stark mit den treuen Fans in den vorderen Reihen interagiert. Er wohnt ja gar nicht unweit von hier in Nänikon. Ein ganz besonderer Blickfang und akustischer Genuss ist die erst 22-jährige britische Neuentdeckung Anna Cara. Sie ersetzt aktuell die etatmässige Gitarristin Nita Strauss wegen deren Babypause und meistert diese gigantischen Fussstapfen mit einer spielerischen Leichtigkeit, die absolut sprachlos macht. Ihr wird der grösste Jubel entgegengebracht. Ist sie hier ja auch keine Unbekannte mehr durch ihr Engagement bei der Schweizer Rocklegende Marc Storace. Für den tiefen Magen-Groove sorgt seit über zwei Jahrzehnten der treue Bassist Chuck Garric. Wie ein Fels in der Brandung pumpt er die Basslinien so wuchtig durch die PA-Anlage der The Hall, dass die Wände spürbar vibrieren. Komplettiert wird dieses musikalische Killer-Kommando durch das absolute Tier an den Kesseln: Schlagzeuger Glen Sobel. Sein kurzes, aber unfassbar präzises und druckvolles Drum-Solo bringt die Halle ein allerletztes Mal zum Kochen.
Es gibt aber nicht nur Sonnenschein heute abend, eine kleine Wolke trübt das Gesamtbild dann halt leider doch noch. Der Meister greift zu einer Coverversion von Smells Like Teen Spirits. Der Alpha-Song der Krankheit Grunge, der dazu führte, dass auf einmal keine Kutten mehr präsent waren und diese durch Holzfäller-Hemden ersetzt wurden. Obwohl das Publikum feiert es gerade ziemlich heftig ab. Alice liefert ab, auf ganzer Linie, obwohl ich hier doch festhalten muss, dass die Stimme in den Strophen halt doch nicht ganz perfekt sitzt, da es einfach nicht seine Stimmlage ist, die aber im Refrain wieder voll aufgeht. Sei es drum, ihm ist verziehen. Unter dem Strich ist es wieder ein sackstarke Leistung, die mir zwar nicht wie damals am Rock The Ring in Hinwil, die Tränen in die Augen getrieben hat. Alice Cooper und seine Musiker haben aber einmal mehr bewiesen wie ein grossartiges Unterhaltungsprogramm aussehen muss. Wenn nur die DJane im Vorprogramm nicht gewesen wäre, dann hätte es vielleicht wieder zu einem Konzert gereicht, das fest in mein Gedächtnis eingebrennt würde, obwohl vielleicht nun auch gerade deswegen, weil das Vorprogramm so unsäglich schlecht war.